Es bleiben nur die Nächte, um die Toten zu begraben. Die Tage in Ostghuta kennen allein den Horror der Bomben und Raketen. In der dicht besiedelten Vorortregion der syrischen Hauptstadt Damaskus fallen sie auf Kinder, Frauen und Männer, die dort seit mehr als vier Jahren vom Assad-Regime belagert werden. Heute ist Ostghuta einer der letzten Flecken im Land, die noch von seinen Gegnern gehalten werden.

Einige Hunderttausend Menschen sind dort eingeschlossen und abgeschnitten von allem: Lebensmittel oder Medikamente gelangen kaum hinein, Verletzte und Verzweifelte können nicht hinaus. Die wenigen Ärzte, die ihnen bleiben, sind in den noch vorhandenen Kliniken und notdürftigen Ambulanzen schon lange ein vorrangiges Ziel der Angriffe. Genauso wie die Trauernden, wenn sie sich vor Sonnenuntergang zusammenfinden.

Eineinhalb Jahre ist es her, da starrte die Welt voller Entsetzen auf den Osten von Aleppo. Und sah zu, wie die syrische und russische Luftwaffe den von Rebellen kontrollierten Teil der Stadt zerbombten. Wie sie bewusst Krankenhäuser und Schulen zerstörten. Wie sie oft ein zweites Mal nachlegten, sobald Helfer und Retter eintrafen. Wie in den Monaten dieser Schlacht sehr wahrscheinlich Giftgas einsetzt wurde. Wie das Regime und seine Waffenbrüder auch damals keine Linderung von außen zuließen und genauso wenig, dass jemand den Gräueln entkam.

Bis der Kessel evakuiert und die Stadt befreit wurde, oder genauer: Zehntausende Menschen aus Aleppo in die nördliche Region Idlib vertrieben wurden, um sie sich dort später vorzunehmen. Kriegsverbrechen, gegen die nur die ohnmächtige Bestürzung stand, niemand wurde dafür zur Rechenschaft gezogen. Die Welt fand keine Antwort und ließ es geschehen.

Assad gewinnt

Es heißt oft, der Krieg in Syrien sei in seiner Komplexität kaum zu erfassen. Das mag noch immer stimmen, wenn auch die beteiligten Staaten und sich überlagernden Interessen mittlerweile sehr viel direkter aufeinandertreffen und die Folgen mehr denn je in die gesamte Region ausstrahlen, ja längst global geworden sind.

Zugleich ist die Botschaft, die schon von Aleppo ausging, nun in Ostghuta und absehbar in Idlib mit Nachdruck bestätigt wird, im Grunde schlicht: Assad gewinnt, seine Vernichtungs- und Vertreibungsstrategie zusammen mit Russland und dem Iran geht auf.

Die letzten Kämpfe gegen den IS erledigen andere oder man arrangiert sich. Im Norden werden die Kurden unter das Regime gezwungen, damit die Türkei Ruhe gibt. Für die Sieger geht es in dieser Phase des Kriegs nur mehr darum, unter sich aufzuteilen, was von Syrien noch zu gebrauchen ist. In Assads Kalkül heißt das auch: Für die Menschen, die jetzt noch in den wenigen oppositionellen Gebieten leben, kann es keinen Platz geben.

Die Situation in Syrien

Quelle: IHS Conflict Monitor, New York Times. Stand: 5. Februar 2018. Grafik: Matthias Holz/ZEIT ONLINE

Die Illusion eines Friedensprozesses war immer nur ein Mittel, um Zeit für das Töten zu gewinnen. Die militärische Lösung in Syrien, die es für alle, die dennoch Hoffnung in die Diplomatie setzten, angeblich nicht gab – an der Seite des Regimes trieben Russland und der Iran sie unter dem Vorwand des Antiterrorkampfs gnadenlos voran. Konsequenzen schirmte die Vetomacht Russland im UN-Sicherheitsrat ab. Die USA interessierte nur der IS und nicht das Leid. Und die Europäer können ohnehin nicht viel mehr als reden.

Die Menschen in Ostghuta wissen, was kommt. Dass niemand ihnen zur Hilfe eilen wird, obwohl alle hinschauen. Einer sagte der Nachrichtenagentur Reuters: "Wir warten nur darauf, bis wir an der Reihe sind zu sterben."