Der Liberalismus steht in der Kritik, keine Frage. In seiner Anklage Selbst schuld, wenn die Populisten gewinnen hat der Politikwissenschaftler Jan Zielonka vergangene Woche schmerzhafte Wahrheiten ausgesprochen. Sein Gastbeitrag endete mit einem konkreten Arbeitsauftrag an die Liberalen in Europa: sich zu erneuern und liberale Visionen zu entwickeln. Nur so könne man dem Populismus in Europa etwas entgegensetzen.

Keine Frage: Die Kritik sitzt. Das Problem ist nur, dass Zielonka in seiner Argumentation Ungleiches gleichsetzt. Zum einen ist Liberalismus als Ideologie nicht dasselbe wie die liberale Demokratie als politisches System. Zum anderen kritisiert er einen homogenen Liberalismus, den es so im 21. Jahrhundert nicht gibt.

Diese doppelte Themenverfehlung ist kein Zufall. Die Politikwissenschaft hat die Entwicklungen der letzten Jahre im liberalen Zentrum Europas verschlafen. Die Neuerfindung des Liberalismus, die Zielonka fordert, ist bereits längst in Arbeit. Für ein Buchprojekt habe ich im vergangenen Jahr 40 Vertreterinnen und Vertreter neuer liberaler Bewegungen in ganz Europa interviewt.

Beginnen wir bei den Begriffen.

Wer sind die "Liberalen", die Zielonka den "Populisten" gegenüberstellt? Glaubt man Zielonka, sind das alle, die sich zu einer pluralistischen, liberalen Demokratie bekennen. Das ist ein viel zu weit gefasster Begriff, der alles von Mitte-rechts bis Mitte-links umfasst und ein echtes Verständnis verhindert. Denn das politische Zentrum zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist weit heterogener, als Zielonka es darstellt.

Auf der einen Seite stehen die, die Zielonka zu Recht dafür kritisiert, dass sie sich "eine softe Version des Populismus" zu eigen machen und gerne auch mit Populistinnen und Populisten koalieren. Der österreichische Kanzler Sebastian Kurz gehört dazu, aber auch Theresa May in Großbritannien. Auch Mark Rutte in den Niederlanden kann man diesen Vorwurf machen.

Auf der anderen Seite stehen die, die den Populisten mit einer optimistischen Gegenvision von Demokratie und Europa die Stirn bieten. Dazu gehört Emmanuel Macron mit En Marche! in Frankreich, aber auch die Bewegung Ciudadanos in Spanien, Nowoczesna in Polen, Momentum in Ungarn, Progresivne in der Slowakei oder Neos in Österreich.

Hier handelt es sich um echte Reformbewegungen. So sehr auch sie das politische Establishment kritisieren, lassen sie es nicht bei der Wut bewenden, sondern bieten lösungsorientiert konstruktive politische Alternativen. Sie sind proeuropäisch, pro Marktwirtschaft und progressiv.