Bei den kommenden Parlamentswahlen in Italien wird die Fünf-Sterne-Bewegung von Beppe Grillo gewinnen. Er ist viel lustiger als Donald Trump, Viktor Orbán und Marine Le Pen zusammen, zumindest wenn man Italienisch kann. Immerhin ist er ein professioneller Comedian. Eines haben diese unterschiedlichen Politiker jedoch gemeinsam: Sie sind entschlossen, die liberale Ordnung und die politische Klasse zu untergraben, die in Europa und den USA seit dem Ende des Kalten Kriegs herrschen.

Nach dem Fall der Berliner Mauer war der Liberalismus von New York über Tallinn bis Athen die einzige ernst zu nehmende Option. Diese Ära ist vorbei. Antiliberale Rebellen feiern Wahlerfolge nicht nur in den postkommunistischen Demokratien Osteuropas, sondern auch in den wohlhabendsten europäischen Ländern wie Österreich, Finnland, Deutschland und den Niederlanden. Selbst wenn sie die Wahlen nicht gewinnen können, wie Nigel Farage in Großbritannien, prägen sie die öffentliche Debatte und dominieren die politische Agenda.

Die meisten Liberalen, die an der Macht blieben, machten sich eine softe Version des Populismus zu eigen. Mark Rutte in den Niederlanden und Sebastian Kurz in Österreich wetterten gegen Migranten, Emanuel Macron in Frankreich machte die traditionellen Parteien schlecht, und Theresa May umarmte den Brexit. Kann der Liberalismus überleben mit so vielen illiberalen Ornamenten? Sollten Liberale frohlocken, weil sich ja die soften Populisten gegen die harten durchgesetzt haben? Selbst im prosperierenden und stabilen Deutschland ist die rechtsnationalistische AfD mit fast 100 Sitzen in den Bundestag eingezogen.

Heute werden alle Pfeiler der liberalen Ordnung angegriffen: parlamentarische Demokratie und Freihandel, Migration und multikulturelle Gesellschaft, historische Wahrheiten und politische Korrektheit, moderate politische Parteien und Mainstreammedien, kulturelle Toleranz und religiöse Neutralität. Die EU, das Flaggschiff des liberalen Projekts, wird am brutalsten attackiert für ihre porösen Grenzen, ihr repressives Währungssystem, die kosmopolitische Kultur und eine bürokratische Politik, die abgehoben von den einfachen Bürgern ist.

Ideologie der Macht und der Ermächtigung

Liberale können nicht verstehen, wie ihre Mitbürger für ein solch destruktives Programm stimmen können. Warum verwerfen sie die umfassende wissenschaftliche Beweislage für die Vorteile des freien Handels, der Integration und selbst der Migration? Warum setzen sich zwielichtige Politiker gegen aufgeklärte und erfahrene durch? Beppe Grillo hat das eloquent erklärt: "Ihr seid unfähig, die Geburt und den Aufstieg meiner Bewegung zu verstehen, weil ihr alles in eure eigene Sprache übersetzt. Ihr seid einfach abgeschnitten von der Realität." Liberale und ihre populistischen Herausforderer stammen einfach aus verschiedenen Universen.

In den vergangenen Jahrzehnten hat der Liberalismus sein eigenes seltsames Universum geschaffen, mit seinen eigenen Regeln und seiner eigenen Rationalität. Der Liberalismus wurde zu einer Ideologie der Macht und der Ermächtigung. Er ist nicht mehr eine Ideologie derer, die vom Staat unterdrückt werden; er ist eine Ideologie des Staates, wie er von den Mitte-links- und Mitte-rechts-Parteien des Mainstreams betrieben wird. Liberalismus ist nicht mehr: Minderheiten gegen Mehrheiten zu verteidigen; Liberalismus ist, dass Minderheiten – Berufspolitiker, Journalisten, Banker und Jet-Set-Experten – den Mehrheiten erklären, was gut für sie ist.

Dadurch, dass immer mehr Befugnisse an nicht mehrheitliche Institutionen wie Verfassungsgerichte, Zentralbanken und die EU-Kommission übertragen werden, haben die Liberalen die Wähler effektiv ihrer Mitsprache in der Politik beraubt. Durch die Privatisierung und Deregulierung der Wirtschaft haben sie die Wähler effektiv davon abgehalten, die Richtung der Wirtschaftspolitik zu verändern. Die Liberalen haben außerdem ihr atomistisches Modell der Gesellschaft, ihre Interpretation der Geschichte, ihre Lieblingsfilme, selbst ihre Ernährungsgewohnheit verbreitet, manche würden sagen: anderen aufgezwungen.

Ab 1989 ist der Liberalismus eine umfassende Bibel, die bestimmt, was richtig oder falsch ist in einer Gesellschaft – nicht bloß ein Handbuch, um Geld zu machen. Der Liberalismus definiert eine Vorstellung davon, was vernünftig und angemessen ist. Wie alle mächtigen Ideologien definiert der Liberalismus eine Vorstellung von Normalität. Die politischen Rebellen stellen sich nicht nur gegen individuelle liberale Politik, sie trotzen der gesamten liberalen Logik. Sie versuchen, eine neue Normalität einzuführen. Sie versuchen, liberale Wahrheiten zu verwerfen. Sie versuchen, Europa und die USA in ein anderes Universum zu transportieren.

Besser in Schuldzuweisungen als in Selbstreflexion

Die politischen Rebellen haben kaum charismatische Anführer oder attraktive politische Programme. Sie gewinnen, weil das liberale Establishment derzeit extrem unzureichend agiert. Die Liberalen sind besser in Schuldzuweisungen als in der Selbstreflexion. Sie verbringen mehr Zeit damit, den Aufstieg des Populismus zu erklären als den Niedergang des Liberalismus. Sie weigern sich, in den Spiegel zu schauen und ihre eigenen Unzulänglichkeiten zu erkennen, die zur der Woge des Populismus quer durch den Westen geführt haben.

Populisten waren nicht an der Macht, als die Finanzmärkte zusammenbrachen. Populisten sind nicht in andere Länder einmarschiert auf der Basis fabrizierter Beweise und haben sie dann in den Händen lokaler Warlords verrotten lassen. Es waren Liberale, nicht Populisten, die Steuerhinterziehung und wachsende Ungleichheit toleriert haben, die Whistleblower verfolgt haben, die unbequeme Wahrheiten aufdeckten, die sogar Gefangene gefoltert haben. All dies hat liberale Werte kompromittiert; es hat das wunderschöne liberale Aquarium zu einer Fischsuppe gemacht. Kein Wunder, dass die Wähler nach einer Alternative suchen.

Um wieder auf die Beine zu kommen, müssten die Liberalen ihre Vision von Demokratie, Kapitalismus und europäischer Integration überdenken. Abstrakte liberale Prinzipien zu predigen und antiliberale Gegner zu kritisieren, wird nicht reichen. Eine neue Version der offenen Gesellschaft sollte der Pluralität, Heterogenität und Hybridität eines durch Globalisierung und Digitalisierung geprägten Europas Rechnung tragen. Liberale sollten tun, was Populisten nicht können: Sie sollten eine überzeugende Vision entwickeln, wie die komplexen europäischen Netzwerke beherrscht werden können, die nationale Gesetze und Grenzen überschreiten.

Das ist mehr, als Karl Popper und John Maynard Keynes herunterzubeten. Um wieder auf die Beine zu kommen, müssen die Liberalen auch ihre Anführer auswechseln, denn denen, die das liberale Projekt kompromittiert oder sogar betrogen haben, kann man nicht dessen Erneuerung anvertrauen. Vor allem sollten die Liberalen ihre Fehler eingestehen. Statt den Wählern die Schuld zu geben, weil sie populistische Rebellen wählen, sollten die Liberalen versuchen, bei den Wählern ihre Glaubwürdigkeit wiederzugewinnen.

Aus dem Englischen übersetzt von Carsten Luther