Michail Saakaschwili will seit knapp drei Jahren helfen, die Ukraine zu reformieren. Schon Anfang 2014 unterstützte er die Euromaidan-Revolution in der Ukraine. Nach zwei Amtszeiten als georgischer Präsident konnte er 2013 in seinem Heimatland nicht ein drittes Mal antreten. Saakaschwili, der seine Studienzeit in der Ukraine verbracht hatte, bekam 2015 die ukrainische Staatsbürgerschaft vom ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko verliehen. Außerdem ernannte dieser seinen langjährigen Freund zum Gouverneur des Gebietes von Odessa. Die georgische Staatsbürgerschaft verlor Saakaschwili. In Odessa sollte er vor allem die Korruption bekämpfen.

Doch Ende 2016 zerbrach die Freundschaft zwischen Poroschenko und Saakaschwili in einer öffentlichen Inszenierung. Saakaschwili beschuldigte den ukrainischen Präsidenten und ihm nahestehende Regierungsmitglieder, sie seien selbst korrupt. Der Konflikt zwischen den beiden eskalierte. Während eines USA-Aufenthaltes von Saakaschwili entzog Poroschenko ihm die ukrainische Staatsbürgerschaft wieder, verhängte ein Einreiseverbot und besprach mit der georgischen Regierung eine Auslieferung nach Georgien. Saakaschwili ignorierte alle Anschuldigungen, reiste wieder in die Ukraine und attackierte den Präsidenten weiter.

Derzeit steht der 50-Jährige wegen des Vorwurfs, einen Putsch zu planen, in der Ukraine vor Gericht. Er selbst klagt – ebenfalls vor einem ukrainischen Gericht – gegen Poroschenko, um seine ukrainische Staatsbürgerschaft zurückzubekommen. Die Gerichtsurteile stehen in beiden Fällen aus.

ZEIT ONLINE: Herr Saakaschwili, kann es sein, dass Ihre politische Mission in der Ukraine gescheitert ist?

Saakaschwili: Ich bin überzeugt, dass die Macht der Oligarchen in der Ukraine noch in diesem Jahr begrenzt werden kann, am besten durch vorgezogene Neuwahlen. Ich möchte nicht Präsident der Ukraine werden, aber ich kämpfe für echte Veränderungen.

ZEIT ONLINE: Sie waren neun Jahre lang Präsident Georgiens. Was haben Sie mit dem Schicksal der Ukraine zu tun?

Saakaschwili: Die Ukraine ist das größte Land in der Region zwischen Russland und der EU. Hier wird für eine demokratische Zukunft gekämpft. Das ist auch mein Kampf – 14 Jahre meines Lebens habe ich in der Ukraine verbracht. Kiew ist für mich Heimat, weil ich als junger Mann zum Studieren hierher kam. Sowohl in Georgien als auch in der Ukraine haben Oligarchen es geschafft, das Justizsystem zu manipulieren. Sie haben Wahlen beeinflusst. Sie haben sehr viel Geld und damit kaufen sie Entscheidungen.

ZEIT ONLINE: Es sieht derzeit nicht so aus, als könnten Sie den Machtkampf gegen Ihren ehemaligen Freund Poroschenko gewinnen. Wahrscheinlich werden Sie bald nach Georgien abgeschoben.

Saakaschwili: Wenn ich irgendwann in mein Geburtsland zurückkehre, selbst wenn es als Häftling sein sollte, wird das zu Unruhen führen. Die politisch motivierten Verfahren in Georgien halten viele Georgier für nicht gerechtfertigt.

ZEIT ONLINE: Der aktuelle georgische Präsident Giorgi Margwelaschwili und Poroschenko haben sich auf Ihre Auslieferung geeinigt. Laut einem georgischen Gericht sind Sie mitschuldig an einem Mordfall in Georgien.

Saakaschwili: Die Menschen, die nach meiner Wahlniederlage die Macht in Georgien übernommen haben, wollen sich an mir rächen. Deshalb haben sie meine Bankkonten überprüft, sie haben nach versteckten Villen gesucht, nach Konten in Steuerparadiesen. Aber weil sie nichts gefunden haben, haben sie mich wegen Amtsverletzung angeklagt.

ZEIT ONLINE: Sie sollen in den Mord am ehemaligen georgischen Banker Sandro Girgwliani involviert gewesen sein?

Saakaschwili: Das ist Quatsch. Ich hatte mit dem Mord an Girgwliani nichts zu tun. Niemand beschuldigt mich des Mordes. Es geht um das Begnadigungsrecht, das ich als Präsident Georgiens ausgeübt habe. Plötzlich ist es Missbrauch der Macht, wenn man als Präsident das Recht auf Begnadigung ausübt. Dafür soll ich drei Jahre ins Gefängnis. Das ist ein Witz. 133 ehemalige Militärmitarbeiter habe ich in meiner Zeit als Präsident insgesamt begnadigt. Dieses Recht hatte ich. In einem Fall soll ich jetzt bestraft werden.

ZEIT ONLINE: Haben Sie Angst, nach Georgien ausgeliefert zu werden?

"Hinter uns steht kein Oligarch"

Saakaschwili: Wenn Poroschenko dieses Risiko eingeht, gibt es eine Menge Ärger in der Ukraine.

ZEIT ONLINE: Könnte es sein, dass Sie ihre Macht überschätzen? Laut einer landesweiten Umfrage unterstützen zehn Prozent der Ukrainer Petro Poroschenko, Sie sind zwar der zweitbeliebteste Politiker, bekommen aber nur 7,3 Prozent Zustimmung.

Saakaschwili: 2017 waren wenigstens 50.000 Menschen auf der Straße in der Ukraine, um gegen die Korruption zu demonstrieren. Das sind meine Unterstützer.

ZEIT ONLINE: Aber seit Sie die Position als Gouverneur von Odessa im November 2016 aufgegeben haben, haben Sie kein politisches Amt mehr inne.

Saakaschwili: Als ich meine Arbeit in der Ukraine begann, hieß es, es gebe weniger als einen Prozent Unterstützung für meine Politik. Mittlerweile sind wir eine feste Größe in der politischen Landschaft. Meine Partei würde es ohne Probleme ins ukrainische Parlament schaffen, selbst wenn ich als Person nicht antreten kann. 

ZEIT ONLINE: Von außen sieht es so aus, als würde Poroschenko den Kampf zwischen Ihnen beiden gewinnen. Er ist Präsident, Sie haben nicht mal mehr einen Pass.

Saakaschwili: Noch hat Poroschenko im Parlament mit seiner Partei eine Mehrheit, aber die Leute auf der Straße unterstützen seine Politik nicht mehr. Er kann mit so wenig Rückhalt kein Land regieren, das sich gleichzeitig im Krieg befindet. Und immer, wenn ein Präsident der Ukraine glaubt, die Medien, das Parlament und die Gerichte zu kontrollieren, verliert er seine Macht. So ist es Poroschenkos Vorgänger Viktor Janukowitsch ergangen und auch dessen Vorvorgänger Leonid Kutschma. 

ZEIT ONLINE: Janukowitsch wurde von vielen Ukrainern so gehasst, dass unter anderem deshalb Ende 2013 eine Revolution entstand und der Präsident nach Russland flüchtete. Das vergleichen Sie mit der jetzigen Situation?

Saakaschwili: Janukowitsch war im Westen des Landes verhasst, aber einige Regionen unterstützten ihn. Und er hatte ein großes Team von Oligarchen, die ihn loyal unterstützten. Poroschenko hat zwar auch Oligarchen, aber die sind nicht so loyal. Außerdem hat Poroschenko den Leuten versprochen, sie näher an die EU zu führen. Dieses Versprechen hat er nicht gehalten.

ZEIT ONLINE: Poroschenko ist immer noch der gewählte Präsident der Ukraine, der von der EU und den USA unterstützt wird.

Saakaschwili: Der Internationale Währungsfonds und die EU haben ihre finanzielle Unterstützung für die Ukraine auf Eis gelegt, weil die Reformen im Land nicht vorankommen. Einige Reformen stocken, weil Poroschenkos private Interessen im Wege sind. An diesem Punkt konnte Poroschenko, der Geschäftsmann und Politiker, entscheiden, ob er Teil der Forbes-Liste der reichsten Millionäre der Welt wird oder ob er als angesehener Politiker in die Geschichtsbücher der Ukraine eingeht. Er hat sich für die Millionärsliste entschieden.

ZEIT ONLINE: Und was hat es mit dem Gerücht auf sich, dass auch Sie von einem Oligarchen finanziert werden?

Saakaschwili: Hinter uns steht kein Oligarch. Wenn das so wäre: Wo ist sein Geld? Alles, was wir bisher in der Ukraine gemacht haben, war sehr günstig. Wir haben zu Demonstrationen aufgerufen, vielleicht haben 50 Freiwillige dabei geholfen. Wir haben nur ein Parteibüro in Kiew, kein anderes teures Gebäude. Wir haben ganz sicher keine bezahlten Mitarbeiter. Wir haben auch keinen Zugang zu Medien, den man sich mit Geld kaufen kann. Wir haben kein Geld für Massenkampagnen. Selbst für normale Parteiarbeit haben wir kein Geld.

"Ich bin das erste staatenlos Ex-Staatsoberhaupt Europas"

ZEIT ONLINE: Kritiker halten Sie für größenwahnsinnig.

Saakaschwili: Ich habe das oft gehört. Aber ich bin nicht verrückt. Wenn ich einfach ein schräger Vogel wäre, der Spaß haben will, würde ich all das nicht tun. Dann würden mich nicht so viele Leute ernst nehmen.

ZEIT ONLINE: Es geht Ihnen nicht auch um die eigene Inszenierung?

Saakaschwili: Wenn die Ukraine den Weg in eine gerechte Demokratie schafft, kann das auf die ganze Region ausstrahlen. Deshalb ist das hier der Kampf meines Lebens. Ich muss ihn bis zum Ende kämpfen.

Dieses Video von RFE/RL vom 5. Dezember 2017 zeigt, wie Saakaschwili zunächst vom Dach seines Hauses zu Unterstützern spricht und später festgenommen wird.

ZEIT ONLINE: Das Ende könnte gefährlich für Sie werden.

Saakaschwili: Die ukrainische Regierung hat ausländischen Botschaftern in der vergangenen Woche mitgeteilt, ich sei nicht mehr sicher in der Ukraine. Mal heißt es, eine radikale Gruppe will mich umbringen. Mal heißt es, angeblich wolle mich auch der russische Geheimdienst umlegen lassen. Das Ziel hinter dieser Information ist klar: Saakaschwili ist in der Ukraine nicht sicher, er soll endlich verschwinden. Wenn ich in Kiew unterwegs bin, gehe ich fast nie allein in die Stadt.  

ZEIT ONLINE: Warum tun Sie sich das an? Als Ihnen im vergangenen Jahr die ukrainische Staatsbürgerschaft entzogen wurde, waren Sie in den USA. Sie hätten nicht mehr in die Ukraine reisen müssen.

Saakaschwili: Die Entscheidung wurde in meiner Abwesenheit im Präsidialamt in Kiew getroffen, wo Poroschenko das Sagen hat. Ich habe davon durch die Medien in den USA erfahren.

ZEIT ONLINE: Warum sind Sie nicht in den USA geblieben?

Saakaschwili: Ich hatte ein amerikanisches Arbeitsvisum und ich hatte verschiedene Jobangebote in den USA. Aber ich kann doch nicht in den USA in einem Liegestuhl sitzen und mitanschauen, wie die Ukraine zerfällt. 

ZEIT ONLINE: Was können Sie dagegen tun? Sie sind kein Bürger der Ukraine mehr.

Saakaschwili: Ich bin auch kein Bürger Georgiens mehr. Seit sie mir die Staatsbürgerschaft der Ukraine entzogen haben, bin ich staatenlos. Das ist eigentlich eine Verletzung internationalen Rechts. Ich bin seit Jahrzehnten das erste ehemalige Staatsoberhaupt Europas, das staatenlos ist. Das einzige, was ich noch habe, ist eine zeitweise Aufenthaltserlaubnis in der Ukraine. Damit kann ich weder eine Zugfahrkarte noch ein Flugticket kaufen.

ZEIT ONLINE: Sie haben Familie und Kinder. Wie gehen die mit der Situation um?

Saakaschwili: Natürlich sind sie nervös, aber mein Sohn bewundert mich für meine Taten. Meine Frau lebt in den Niederlanden, aber sie hat mich in Kiew besucht, sie unterstützt mich.

ZEIT ONLINE: Was machen Sie, wenn das Gericht entscheidet, dass Sie die Ukraine verlassen müssen?

Saakaschwili: Das werde ich entscheiden, wenn es eine definitive Gerichtsentscheidung gegen mich gibt. Aber zunächst werde ich den Rechtsstreit bis zum Ende führen. Ich klage ja gleichzeitig, um meine ukrainische Staatsbürgerschaft zurückzubekommen. Die Entscheidung, mir den ukrainischen Pass abzunehmen, wurde gegen ukrainisches und internationales Recht getroffen. Das Verfahren war politisch motiviert.

ZEIT ONLINE: Womit können Sie das belegen?

Saakaschwili: Sie haben sogar meine Unterschrift gefälscht. Auf dem Formular, das ich angeblich unterschrieben habe, um meinen ukrainischen Ausweis abzugeben, ist eine Unterschrift, die nicht meine ist. Das ist nachweisbar.

ZEIT ONLINE: Noch einmal: Was werden Sie tun, wenn die Gerichte der Ukraine nicht in Ihrem Sinne entscheiden?

Saakaschwili: Die Verhandlungen wurden bereits viermal verschoben. Es sieht so aus, als fehlten ihnen die Beweise. Sie wollen mich loswerden, aber sie wissen nicht, wie. Sie wollen mich ja nicht zu einer Haftstrafe in der Ukraine verurteilen, sondern mich aus dem Land werfen. Mein Fall wird zeigen, wie unabhängig ukrainische Gerichte vier Jahre nach der Revolution arbeiten.