"Berlusconi ist ein Genie", sagt der kleine Mann in einer römischen Trattoria, während er auf seine riesige Portion Spaghetti alla Carbonara wartet. Der Herr ist Philosophieprofessor aus Sizilien. "Ich bin links, ich denke links", sagt er, "aber es ist jetzt schon klar, dass der Gewinner am Ende Silvio heißt." Am 4. März wählt Italien ein neues Parlament und die Allianz um den 81-jährigen Silvio Berlusconi hat gute Chancen, am Tag danach als Gewinner aufzutreten. Er wird entscheiden, sagt der Professor, wie die nächste Regierung aussieht, er wird der Königsmacher sein. "Alt, vielleicht ein bisschen angeschlagen, aber er ist wieder da."

Er, das ist der Medienunternehmer, der schon dreimal Premierminister war und nach jedem Fall wieder aufgestanden ist. Der Herr der Skandale, der sein Amt benutzte, um die italienische Justiz zu umgehen. Der Politiker, der nicht kandidieren und nicht einmal wählen kann wegen einer Vorstrafe wegen Steuerhinterziehung von 2013. Der Strippenzieher, dem immer wieder Beziehungen zur Mafia vorgeworfen wurden, der Fernseh-Tycoon, der die soziale und kulturelle Landschaft Italiens verwüstet hat.

Wie konnte es dazu kommen, dass der ehemalige Cavaliere wieder da ist? Es ist ein Rätsel, das die Italiener selbst nicht ganz verstehen – oder verstehen wollen.

Vor zwei, drei Jahren war Berlusconi eine politische Leiche. Fertig. Finito. Die Bunga-Bunga-Feste mit jungen Prostituierten und Showgirls seiner Sendungen, die Wirtschaftskrise, die Zersetzung seiner eigenen Partei Forza Italia, der internationale Verruf. In den italienischen Zeitungen liest man dieser Tage so gut wie nichts von dieser Vergangenheit. Es scheint, als sei die politische Ikone Berlusconi stärker als 20 Jahre Berlusconismo und seine sozialen, kulturellen und politischen Folgen.

Viele Konstellationen möglich

Die Umfragen deuten auf einen relativen Erfolg der Allianz um Berlusconi hin: Der Forza Italia werden, gemeinsam mit der EU-feindlichen und xenophoben Lega Nord von Matteo Salvini und den postfaschistischen Fratelli d'Italia von Giorgia Meloni, zwischen 36 und 38 Prozent der Stimmen zugetraut. Das reicht zwar nicht, um zu regieren, aber es genügt, um sich ins Zentrum der nächsten Machtentscheidungen zu stellen.

Denn die Partito Democratico des derzeitigen Premierministers Paolo Gentiloni und seine Alliierten werden nach den letzten Umfragen auf nicht mehr als 27 Prozent der Stimmen kommen, während die populistische, vom Ex-Komiker Beppe Grillo gegründete Fünf-Sterne-Bewegung (Movimento Cinquestelle) wahrscheinlich mit etwa 28 Prozent der Stimmen die stärkste Einzelpartei sein wird. Sie hatte allerdings bislang erklärt, sie wolle und könne keine Koalition eingehen.

In Rom rechnet man also mit einem politischen Patt. Sofern die Umfragen stimmen, denn zwei Wochen vor der Wahl hatten sich 45 Prozent der Italiener und Italienerinnen noch nicht entschieden.

Im Zerrspiegel

Genau das ist der Punkt, der Berlusconis Wiederdasein erklärt: Das Vakuum in der italienischen Politik ist groß, die Italiener haben ihr Vertrauen gegenüber den traditionellen Parteien in einem ungeheuren Ausmaß verloren, die Konsequenzen sind kaum abzusehen. All das sind die Folgen von Berlusconis früherem Handeln.

Italien erlebt einen medialen Populismus, dessen Wurzeln in den achtziger Jahren liegen. Damals entstanden die kommerziellen TV-Sender Berlusconis – Canale5, Italia1 und Rete4 – und wurden groß. Es ist eine Art von Populismus, in der Silvio, wie ihn die Italiener gern nennen, durchaus als Vorläufer von Donald Trump gelten kann: Geprägt von der Sprache der Realityshows, der Samstagsabendshows, der Talentgames, der Sprache der halbnackten Mädchen zu jeder Zeit in fast allen Sendungen. All das war mehr als 20 Jahre die Sprache der italienischen Öffentlichkeit, der verzerrte Bildschirm, in dem sich die Italiener spiegelten.