Die Provinz Afrin im Norden Syriens sieht auf der Karte nur wie eine kleine Ausbuchtung aus. Doch treffen genau in diesem kleinen Zipfel die letzten großen Gegner im syrischen Krieg aufeinander. Hier entscheidet sich die künftige Ordnung des Landes. Oder besser: Sie hat sich entschieden, vor einem Monat, als der türkische Staatspräsident Erdoğan seine Militäroffensive auf die kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG startete. Die Offensive hat die Randprovinz zum geostrategischen Zentrum von Baschar al-Assads Sieg gemacht. 

Für den syrischen Machthaber muss das Land wie ein großes Schachbrett aussehen: Links unter Afrin liegt Idlib, die letzte große Enklave der Rebellen. Das Gebiet des Regimes schließt diese letzte Hochburg schon fast vollständig ein. Nur ein kleiner Teil oben fehlt noch. Wenn Assad jetzt seine Truppen von rechts aus der Region um Aleppo nach links versetzt, kann er die Schlinge um Idlib zuziehen und den Gegner einkesseln.

Das war es nicht direkt, worum die Kurden aus Afrin gebeten hatten, als sie Assad um Hilfe anriefen. Doch es wird die Konsequenz sein, wenn Regimetruppen nun nach Afrin vordringen dürfen. Die Kurden haben keine Verbündeten und daher auch kaum eine Wahl, denn sie sind mittlerweile ziemlich in Bedrängnis. Türkische Einheiten, die Freie Syrische Armee und Dschihadisten wie Haiʾat Tahrir asch-Scham rücken von allen Seiten vor und verschonen auch die Zivilbevölkerung nicht. Über eine mögliche Allianz zwischen Assad und der kurdischen YPG wird deshalb schon seit Beginn der türkischen Offensive spekuliert.

Manche glauben sogar, dass Russland den türkischen Einmarsch in Afrin nur zuließ, damit die Kurden anschließend den russischen Hauptverbündeten Assad um militärische Nothilfe anflehen müssen. Das syrische Regime hatte die Provinz vor mehr als fünf Jahren an die YPG verloren und ließ sich nun gerne bitten, wieder dort einzumarschieren.

Bereits vor zehn Tagen berichtete die israelische Tageszeitung Haaretz, dass sich die Kurden östlich des Euphrat und in Manbidsch mit Einheiten des Regimes eingelassen hätten, um ihren Gefolgsleuten in Afrin zur Hilfe eilen zu können. Das war bisher nicht möglich, weil Afrin genau wie Idlib eine Enklave ist und ein kleiner Korridor die Region vom Rest des kurdischen Verwaltungsgebiets trennt.

Der wird von türkischen Militärs und ihren verbündeten Rebellengruppen kontrolliert und hat genau das zum Ziel: dass die Kurden nicht einfach ihr Territorium zu einem großen nordsyrischen Gürtel zusammenschließen. Um nach Afrin zu gelangen, müssen kurdische Streitkräfte also weiter südlich durch die Regimezone, und das geht nicht ohne Assads Einwilligung. Es ist für Assad also ein Leichtes, die desolate Lage der YPG in Afrin zu seinen Gunsten auszunutzen.

Die Allianz der Feinde

Inzwischen sind syrische Truppen in die kleine Provinz eingerückt und damit ist die Allianz offiziell. Die Zusammenarbeit sei aber rein militärisch, beteuert ein Sprecher der YPG. Einen politischen Deal gebe es nicht. Das ist wichtig für die Kurden, denn sie wollen die Nachkriegsordnung und ihre politische und administrative Rolle darin offen lassen. Assad hätte natürlich gerne die volle Gewalt über ganz Syrien zurück, inklusive des kurdisch verwalteten Nordens. Doch auch wenn die Kurden nicht bereit sind, diesen hohen Preis zu zahlen – ihre politische Autonomie nach dem Krieg für ihr Leben jetzt — haben sie zur Zeit wenig Verhandlungsspielraum. Sie scheinen Assad alternativlos ausgeliefert zu sein, wenn sie nicht von türkischen Panzern überrollt werden wollen.

Assad hat damit die letzte Phase seines Rückeroberungsfeldzugs eingeläutet, gewissermaßen das Endspiel auf seinem imaginären Schachfeld. In Afrin kann er die von der Türkei unterstützten islamistischen Rebellengruppen ausschalten und die Türken zurückdrängen, deren Einfluss ihm schon die ganze Zeit missfällt. Trotz der Drohungen, auch gegen Assads Truppen vorzugehen, wird es Erdoğan kaum auf eine längerfristige militärische Konfrontation mit dem Machthaber ankommen lassen. Gleichzeitig gelingt es dem syrischen Regime damit, den oppositionellen Kämpfern in Idlib die Versorgungswege in die Türkei abzuschneiden und sie auf diese Weise auszuhungern. 

Die Kriegstaktik ist dabei immer die gleiche und sie funktioniert: Assads Truppen gehen eine kurzzeitige Allianz gegen einen gemeinsamen Feind ein. Danach ist der Verbündete selbst dran, mit einer neuen Allianz, manchmal einfach mit dem, der vorher der Feind war. So hat das syrische Regime in Idlib zunächst mit der Türkei und oppositionellen Dschihadistengruppen zusammengearbeitet, um einen Vorstoß der kurdischen YPG aus Afrin auf die umkämpfte Provinz zu verhindern. Nun schaltet es durch das Bündnis mit den Kurden wiederum die islamistischen Rebellen aus. Ganz ähnlich hat sich diese Taktik auch schon mit dem sogenannten "Islamischen Staat" und der Nusra-Front bewährt.