Türkische Truppen haben nahe der nordsyrischen Stadt Afrin Artillerie eingesetzt. Dabei traf sie eigenen Angaben nach einen Konvoi der kurdischen YPG-Miliz. Die Armee habe am Checkpoint Ziarah etwa 15 Kilometer südöstlich der Stadt Afrin auf 30 bis 40 Fahrzeuge gefeuert, teilte das Militär in der Nacht mit. Die aus Richtung Aleppo kommenden Fahrzeuge hätten Waffen und Munition transportiert. Die türkische Armee betonte, Ziel des Beschusses seien Milizen gewesen. Das Militär habe "wie immer" Rücksicht genommen, damit keine Zivilisten zu Schaden kommen. Damit widersprach die Armee kurdischen Angaben, wonach es sich bei dem Konvoi um Zivilisten aus verschiedenen Teilen Nordsyriens handelte, die zur Unterstützung der Bevölkerung in die Stadt gekommen seien.

Nach Angaben eines Vertreters der örtlichen Verwaltung, Suleiman Dschaafar, wurde ersten Schilderungen zufolge mindestens ein Mensch getötet. Acht weitere wurden demnach verletzt. Dschaafar sagte, in dem Konvoi seien Menschen aus verschiedenen Teilen Nordsyriens, darunter Manbidsch und Rakka, unterwegs gewesen. Sie hätten die Bevölkerung in der Stadt unterstützen wollen. Das syrische Staatsfernsehen sprach von einem Hilfskonvoi. Inwieweit in den Fahrzeugen Kämpfer oder zivile Helfer unterwegs waren, lässt sich unabhängig nicht überprüfen.

Ein Sprecher für die Kurdenmiliz YPG in der syrische Stadt Aleppo teilte mit, dass Kämpfer seiner Gruppe ihre Posten verlassen hätten, um die Miliz in Afrin bei der Abwehr des türkischen Angriffs zu unterstützen. Weil "alle Weltmächte zu den barbarischen Angriffen schweigen", seien die YPG-Truppen nach Afrin gezogen, um die Region zu verteidigen.

Die YPG hatte zuvor auch das syrische Militär aufgefordert, ebenfalls in Afrin in Stellung zu gehen. Der türkische Vizepremier Bekir Bozdağ drohte daraufhin, sollten regierungstreue syrische Milizen in der Region die YPG unterstützen, "dann werden auch sie nicht verschont".  Die Türkei hatte am 20. Januar einen Militäreinsatz gegen die Kurdenmiliz YPG in der nordsyrischen Region Afrin gestartet.

Die Situation in Syrien

IHS Conflict Monitor, New York Times. Stand: 5. Februar 2018. Grafik: Matthias Holz/ZEIT ONLINE

Nach Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte sind seit Beginn der Militäraktion in Afrin bisher mindestens 115 Menschen getötet worden. Die Türkei bestreitet, dass Zivilisten starben. Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan sagte, die türkischen Soldaten hätten "im Afrin-Krieg 1.829 Terroristen neutralisiert". "Neutralisiert" bedeutet "kampfunfähig machen", was meist töten bedeutet, aber auch verletzen oder gefangen nehmen heißen kann. Die Türkei vermeidet es meist, von einem Krieg zu sprechen und rechtfertigt den Einsatz vielmehr als Anti-Terror-Kampf.

Die Ko-Vorsitzende der pro-kurdischen türkischen Oppositionspartei HDP, Pervin Buldan, bezeichnete die Darstellung der türkischen Regierung, wonach nur "Terroristen" getötet würden als Lüge. "Die Regierung verbreitet Fehlinformationen, wenn sie sagt, dass es keine zivilen Toten gebe."

Bombardements auf Ostghuta

In mehreren deutschen Städten demonstrierten Kurden in der Nacht gegen das türkische Artilleriefeuer bei Afrin. In Berlin, Bonn, Duisburg, Dortmund, Minden, Bielefeld, Essen, Hannover, Hamburg und Frankfurt versammelten sich jeweils mehrere Kurden, wie Polizeisprecher sagten. 

Die Rebellenregion Ostghuta nahe der Hauptstadt Damaskus leidet dieser Tage unter den stärksten Angriffen der syrischen Armee seit Beginn des Bürgerkriegs vor sieben Jahren. Seit Sonntag wurden dort den Menschenrechtsbeobachtern zufolge etwa 370 Zivilisten getötet und fast 1.900 verletzt. 400.000 Menschen sind dort eingeschlossen.

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen will am Nachmittag über eine Waffenstillstands-Resolution für Syrien entscheiden. Ein Entwurf wurde nach Angaben von Diplomaten leicht abgeändert, um den Bedenken der Veto-Macht Russland entgegenzukommen. Die Sitzung am Vortag hatte geendet, ohne dass ein von Schweden und Kuwait eingebrachter Resolutionsentwurf zur Abstimmung gestellt wurde. Russland hatte die Vorlage abgelehnt und zahlreiche Änderungen gefordert.

Das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen forderte eine Waffenruhe, um eingeschlossenen Menschen dringend benötigte Lebensmittel und Medikamente bringen zu können. Solange weiter gekämpft werde, sei die Lieferung von Hilfsleistungen zu gefährlich, sagte WFP-Vertreter Jakob Kern im Deutschlandfunk. Die Menschen könnten derzeit nicht sicher aus ihren Kellern kommen, um sich Lebensmittel abzuholen. "Die Hilfsgüter stehen bereit, aber wir brauchen eine Feuerpause."

Zuletzt sei ein Team des Welternährungsprogramms vor einer Woche in dem umkämpften Gebiet gewesen und habe dort rund 7.000 Menschen mit Nahrungsmitteln versorgen können. "Das ist natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein", sagte Kern. "Die Eltern verzichten auf ihre Mahlzeiten, um den Kindern etwas zu geben."

Den Menschen mangele es vor allem an Grundnahrungsmitteln und Medikamenten. "Die letzten zwei Bäckereien wurden zerstört. Sie hatten Brot für alle diese 400.000 Leute gebacken", sagte Kern. "Eine Erkältung, die in eine Entzündung übergeht, wird lebensbedrohlich, weil keine Antibiotika verfügbar sind."