Erst zwölf Tage vor der Parlamentswahl spielte das Thema Mafia in Italien plötzlich eine Rolle. "Es besteht ein konkretes Risiko, dass Mafia-Gruppierungen freie Wahlen beeinflussen", warnte der italienische Innenminister Marco Minniti (Partito Democratico) bei der Vorstellung des jährlichen Berichts der parlamentarischen Anti-Mafia-Kommission. "Darüber kann in einem Wahlkampf nicht geschwiegen werden. Ich höre zu viel Schweigen." 

In der Tat hatte bis dahin noch keine prominente Person aus der Politik etwas zur Mafia gesagt, obwohl Anti-Mafia-Organisationen das seit Wochen fordern. Bis zur Wahl an diesem Sonntag wird das aber wahrscheinlich so bleiben.

Dabei ist der Einfluss der Mafia groß. Auf das Leben der Menschen: etwa auf die mehr als 2.000 Journalisten, die unter Polizeischutz leben, weil sie von der Mafia bedroht wurden. Auf die Wirtschaft: Die kalabrische Mafia 'Ndrangheta macht einen Jahresüberschuss von 53 Milliarden Euro – fast doppelt so viel wie Coca-Cola; das Geld wäscht sie über Immobilien, Scheinfirmen, die Gastronomie. Und auch in der Politik bleibt der Einfluss sichtbar: Allein im vergangenen Jahr wurden 21 Stadträte wegen Verflechtungen mit der Mafia aufgelöst, ein neuer Rekord. Das Problem reicht noch viel weiter, bis zu einem engen Vertrauten des ehemaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi nämlich. 2014 verurteilte das Geschworenengericht Palermo den ehemaligen Senator Marcello Dell'Utri wegen seiner Beziehungen zur Mafia zu sieben Jahren Haft. Gemeinsam mit Berlusconi hatte Dell'Utri 1993 die Partei Forza Italia gegründet. 

Lieber Migranten loswerden als die Mafia

Trotzdem ist der Kampf gegen die Mafia nicht nur für die Spitzenkandidaten kein Thema, auch in den Wahlprogrammen der größten Parteien kommt er kaum vor. Zum Beispiel bei der rechten Koalition aus Silvio Berlusconis Partei Forza Italia, der rechtspopulistischen Partei Lega Nord und der Partei Fratelli D'Italia, die ein gemeinsames Wahlprogramm in zehn Punkten vorgelegt hat. Die Mafia taucht darin ebenso wenig auf wie die Korruption.

Auch im aktuellen Wahlprogramm von Matteo Renzis Partito Democratico kommt das Wort Mafia auf insgesamt 42 Seiten nur viermal vor. Es wird betont, dass das Problem bekämpft werden muss, doch die Vorschläge, wie dieser Kampf aussehen könnte, bleiben vage. Allerdings hat die Partito Democratico in ihrer jüngsten Regierungszeit wichtige Gesetze für die Bekämpfung der Mafia erlassen, vor allem den sogenannten Anti-Mafia-Kodex.  

Die Cinque-Stelle-Bewegung widmet der Mafia immerhin einen eigenen Absatz. Der "Kampf gegen die Korruption, Mafia-Gruppierungen und Interessenkonflikte" ist einer von 20 Punkten im Wahlprogramm. Die Partei verspricht fünf Dinge, darunter eine Verschärfung des Gesetzes, das Politiker bestraft, die mit Unterstützung der Mafia Stimmen sammeln. Aber eine grundsätzliche Einordnung des Problems Mafia fehlt auch bei dieser Partei.