Warum weichen die Parteien dem Thema aus? Bei den Rechtspopulisten scheint die Antwort einfach zu sein. Sie setzen auf emotionale Themen, die Ängste und Sorgen der Menschen ansprechen: Migranten loswerden, Steuern abbauen, Familien unterstützen. Die Strategie geht bislang auf, die rechte Koalition liegt in jüngsten Umfragen auf Platz eins. Dazu gibt es die Schatten vergangener Urteile: "Es wäre unangenehm für die Spitzenkandidaten der Lega Nord und von Fratelli D'Italia, das Thema Mafia in einem Programm zu haben, das sie gemeinsam mit Silvio Berlusconi unterschreiben", sagt Giovanni Tizian, Journalist der italienischen Zeitschrift L'Espresso, der seit 2011 unter Polizeischutz lebt, weil er die Machenschaften der Mafia in Norditalien recherchiert hat. Er spielt auf den Fall des Berlusconi-Vertrauten Dell'Utri an. Fragen von ZEIT ONLINE an Forza Italia und an die Lega Nord zum fehlenden Mafia-Thema blieben unbeantwortet. 

Gesetze beheben nicht den Ursprung des Problems

Die Partito Democratico und die Cinque-Stelle-Bewegung dagegen halten das Thema für ausreichend abgehandelt. Laura Garavini, Kandidatin der Partito Democratico für den Wahlkreis Europa und Mitglied der parlamentarischen Anti-Mafia-Kommission, sagt, der Kampf gegen die organisierte Kriminalität habe für die Partei absolute Priorität. Die Partei habe auf Gesetzesebene viel gegen die Mafia getan und wolle ihr Engagement gegen die organisierte Kriminalität nun auch durch symbolische Entscheidungen zeigen. Dazu gehöre die Kandidatur von Paolo Siani, ein Kinderarzt und Bruder eines von der neapolitanischen Mafia Camorra ermordeten Journalisten, der für die Partei in Neapel antritt. Symbolpolitik, die sich im Wahlprogramm nicht manifestiert, das vor allem dem Thema Arbeit Priorität gibt.

Auch Luigi Getti, ehemaliger Senator von Cinque Stelle und amtierender Vizevorsitzender der parlamentarischen Anti-Mafia-Kommission, hält den Kampf gegen die Mafia für wesentlich: "Man muss heutzutage Gesetze schaffen, die vorrangig gegen Korruption vorgehen", sagt er.

Keine der Parteien geht das Thema strukturell an oder entwickelt eine Vision, was geschehen muss, um die Mafia zu besiegen. "Es kann nicht nur darum gehen, die Polizei zu verstärken oder neue Gesetze zu erlassen, die Ursprünge des Mafiaproblems müssen analysiert werden", fordert Journalist Tizian.

Der ehemalige Staatsanwalt aus Palermo, Gian Carlo Caselli, kann sich den fehlenden Willen dazu nur so erklären: "Keiner wird es zugeben, aber das Thema Mafia bringt nicht allzu viele Wählerstimmen." Auch er ist sich sicher: "Selbst die besten Gesetze reichen allein nicht. Man braucht einen Kontext."

Ohne interessiertes Umfeld bräche die Mafia zusammen

Und der Kontext hat sich durchaus verändert. In den neunziger Jahren demonstrierte die Mafia ihre Macht unter anderem mit Attentaten auf Staatsanwälte, Journalistinnen und Politiker. Heute ist sie weniger sichtbar, aber sie ist nicht verschwunden. Sie gewinnt an Einfluss, weil sie Politik, Wirtschaft und einen Teil der Zivilgesellschaft korrumpiert.

Die Mafia gedeiht in Italien seit zwei Jahrhunderten, doch ohne das Umfeld, das mit ihr Geschäfte macht und die Augen verschließt, würde sie in sich zusammenbrechen. Deshalb sind Gesetze und Polizeiarbeit zwar wichtige Mittel, wie etwa das Beschlagnahmen von Gütern und harte Gefängnisstrafen für Mafiosi. Zugleich führt aber der leise Machtaufbau, den sie heute betreibt, dazu, dass die Menschen die Mafia nicht mehr als bedrohlich empfinden.

So ist die Mafia auch ein Mentalitätsproblem der Gesellschaft. Wer erzählt den Jugendlichen, dass es sich nicht lohnt, für einen Clan Drogen zu schmuggeln, weil die Haftstrafen dafür hoch sind und das Geld nur in den Taschen der Bosse landet? Wer bietet ihnen eine Alternative? Wer macht den Menschen klar, dass die Mafia den Bürgern etwas wegnimmt, während der Staat ihnen viel geben könnte? Auch diese Fragen zu beantworten, sollte Aufgabe der Politik sein.