Der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, hat kurz vor Beginn des internationalen Spitzentreffens ein düsteres Bild von der aktuellen weltpolitischen Gefährdungslage gezeichnet. "Wir haben noch nie seit dem Ende der Sowjetunion eine so hohe Gefahr auch einer militärischen Konfrontation von Großmächten gehabt", sagte er im Deutschlandfunk. Insbesondere das Misstrauen zwischen den Militärführungen in Moskau und Washington sei abgrundtief. "Es könnte gar nicht schlimmer sein." Damit steige die Gefahr von Missverständnissen, von Fehlkalkulationen, die zu ungewollten militärischen Auseinandersetzungen führen könnten. Diese sei größer, als er sie in den letzten 30 Jahren in Erinnerung habe, sagte Ischinger.

Ischinger steht der Sicherheitskonferenz vor, zu der an diesem Freitag zum bereits 54. Mal Spitzenpolitiker, führende Militärs und Verteidigungsexperten aus aller Welt in der bayerischen Landeshauptstadt zusammenkommen, um über zentrale Fragen der Sicherheitspolitik zu debattieren.

"Provokationen aus Versehen"

Im Zentrum dürfte das Thema Aufrüstung stehen, vor allem mit Blick auf das Atomwaffen- und Raketenprogramm Nordkoreas. Doch Beobachter verweisen auch auf die Ankündigung der USA, ihr Arsenal an Nuklearwaffen zu modernisieren und kleinere Sprengköpfe zu entwickeln, um das eigene Abschreckungspotenzial gegenüber Russland zu vergrößern. Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) warnte vor einem neuen atomaren Wettrüsten und berichtete von Hinweisen, wonach auch Russland und China neue Waffen bauten. Die Aufrüstungsspirale sei "bereits in Gang gesetzt".

Schon im vergangenen Sommer veröffentlichte das schwedische Konfliktforschungsinstitut Sipri einen Bericht, dem zufolge alle Atommächte inzwischen die Weiterentwicklung ihrer Arsenale vorantreiben. Und die renommierte Organisation Bulletin of the Atomic Scientists stellte ihre berüchtigte "Weltuntergangsuhr", die das Risiko einer Atomkatastrophe anzeigen soll, bereits auf zwei Minuten vor zwölf Uhr und verwies – so wie nun auch Ischinger – auf diverse mögliche Ausgangspunkte für Eskalationen: Spannungen zwischen den USA und Russland, Konflikte wegen chinesischer Ansprüche im Südchinesischen Meer, die sich verschärfende Rhetorik zwischen Pakistan und Indien und das Risiko, dass provokante Aktionen im Konflikt um Nordkorea "aus Versehen oder durch Fehleinschätzung" den Schlagabtausch auslösen könnten. Die Welt erlebe derzeit einen Moment "außerordentlicher Gefahr", hieß es.

Die Weltpolizei fehlt

Damit wissen sie sich mit den Organisatoren um Konferenzchef Ischinger einig. In ihrem vorab veröffentlichten Bericht warnen auch die Sicherheitsexperten, dass "ein zweites Nuklearzeitalter mit mehr Akteuren und weniger Stabilität Gestalt annimmt". Die Welt brauche dringend "diplomatische Schadensbegrenzung und Deeskalation". Angesichts der Gefahr, dass ein Atomkrieg durch Fehleinschätzung ausgelöst werden könne, "erscheint es nicht als gute Strategie, darauf zu vertrauen, dass die Menschheit weiterhin eine Glückssträhne hat", schreiben sie.

Raum für "diplomatische Schadensbegrenzung und Deeskalation" bekommen die Konferenzteilnehmerinnen und -teilnehmer im Hotel Bayerischer Hof mitten in München genug. Die anreisenden Staats- und Regierungschefs sowie Ministerinnen schätzen vor allem die Gelegenheit zum informellen Austausch und für Gespräche in den vielen kleinen Hinterzimmern abseits von Medien und Öffentlichkeit. So hofft etwa der Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin, Volker Perthes, dass "sich etwas wiederholt, was wir vor zwei Jahren auf der Münchner Sicherheitskonferenz hatten: eine Verständigung über einen Waffenstillstand und über ein Ende des Krieges in Syrien".

Im vergangenen Jahr dominierte der neue US-Präsident die Agenda – auch wenn Donald Trump nicht selbst nach München gereist war. Ischinger sprach im Deutschlandfunk jetzt von einigen "Anzeichen", dass sich die Dinge etwas beruhigt und in den USA die Kräfte die Oberhand gewonnen hätten, die auf Kontinuität setzten. Insgesamt aber mache sich bemerkbar, dass mit dem weltpolitischen Rückzug der USA eine Ordnungsmacht, eine Weltpolizei, fehle. US-Verteidigungsminister James Mattis und Trumps Sicherheitsberater Herbert Raymond McMaster werden bei ihrem Besuch in München sicherlich die eine oder andere Frage dazu beantworten müssen.