Über die Karriere der 36-jährigen Xenia Sobtschak erzählen manche Folgendes: Ausgestattet mit viel Geld und noch mehr politischem Kapital ihrer Familie zog sie durch die russischen TV-Sender, ließ unterwegs keine Trash-Sendung aus und kandidiert nun als Kreml-Marionette für die russische Präsidentschaftswahl am 18. März. Aber so einfach ist es nicht.

Xenia Sobtschak mag berühmt geworden sein durch ihren Vater, den früheren Bürgermeister von Sankt Petersburg, und durch ihre verschwendungssüchtigen Auftritte in einem Land, in dem sehr viele arm sind. Aber spätestens seit in den russischen Großstädten 2011 und 2012 Massen protestieren gingen, entdeckte Sobtschak ihren politischen Sinn. Sie unterstützte die Proteste und die Opposition. Sie harrte in der Kälte aus, sprach zu den Demonstrierenden – und wurde ausgebuht.  

Nun kandidiert sie als Präsidentin. Ihre Losung: "Gegen alle!" Aber die Vergangenheit klebt an ihr. Niemand außer ihr bringt es auf so eine Umfragekluft: Mehr als 90 Prozent der Russen und Russinnen kennen sie, aber weniger als zehn Prozent können sich überhaupt nur vorstellen, sie zu wählen.

Die Opposition ist gespalten über Sobtschak – schon höhnen die regierungsnahen Medien von den gespaltenen Chaos-Liberalen. Ein Teil der Oppositionellen begrüßt diese unkonventionelle Stimme und misst sie an ihren Worten – und die sind mutig. Sobtschak ist nichts peinlich, sie scheint furchtlos zu sein. Das ist in diesem System, zumal für eine Frau, eine seltene Gabe. Dem anderen Teil der Oppositionellen gilt Sobtschak als willfähriges Instrument des Kremls. Seit klar ist, dass der Kreml den Oppositionspolitiker Alexej Nawalny unter keinen Umständen antreten lassen würde, wurde nach einer Lösung gesucht, um die Stimmen der Unzufriedenen zu bündeln, ohne an Wahlbeteiligung einzubüßen. Sobtschak schien die Lösung zu sein. Nawalny ruft zum Wahlstreik auf, sie aber fordert, gegen alle zu stimmen. Also für sie.

Gegen, gegen, gegen

Moskau, Anfang Dezember 2017, die Wahlkampagne beginnt und Sobtschak hat zu einem Konzert eingeladen. Einige Hundert Anhängerinnen sind gekommen, viele junge Leute stehen vor einer erhöhten Bühne, von der zwei Kamerateams filmen. Da ist Maria, Anfang 30, die früher Nawalny gut fand, bis er ihr zu revolutionär wurde. An Sobtschak schätzt sie ihre Fähigkeit, sich zu verändern, weshalb sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben politisch einmischen will. Da ist Olga, Wählertyp resigniert-neugierig: Die Vorstellung einer Alternative hat sie elektrisiert, aber jetzt, wo sie Sobtschak hört, kommt ihr die inhaltsleer vor.

Dann betritt Sobtschak die Bühne, Scheinwerfer blenden, Musik dröhnt. Als Sobtschak davon spricht, wie schwer es war, einen Veranstaltungsort zu finden, klingt sie wie Nawalny, wenn er durch Russland fährt und seine Wahlkampfzentralen unter freiem Himmel eröffnen muss, weil ihm 24 Stunden vorher Veranstalter absagen. Aber dieses Konzert wirkt nicht wie die Veranstaltung mittelloser, drangsalierter Politiker; es wirkt wie ein Pop-Event.

Sobtschak ruft: "Wir sind gegen alle!" Im Hintergrund läuft in Dauerschleife auf einem riesigen Bildschirm, wogegen Sobtschak sonst noch ist: gegen Korruption, gegen Propaganda, gegen Krieg, gegen Lügen. "Ist sie auch für etwas?", fragt jemand leise. Sobtschak spricht von Als-ob-Wahlen, will aber für die Partei Zivilgesellschaftliche Initiative antreten. "Ich bin nicht angetreten, um zu gewinnen", ruft sie.

Warum macht sie dann mit?