Die Präsidentenwahl in Ägypten hat begonnen: Etwa 60 Millionen Ägypter sind aufgerufen, bis Mittwoch einen neuen Staatschef für das bevölkerungsreichste Land der arabischen Welt zu wählen. Ihre Stimme können sie in rund 14.000 Wahllokalen abgeben. Es gelten erhöhte Sicherheitsvorkehrungen. Bei der Wahl 2014 hatten lediglich 47,5 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben.    

Der Wahlkampfleiter des amtierenden Präsidenten Abdel Fattah al-Sissi sprach von den "fairsten Wahlen in der Geschichte Ägyptens". Allerdings haben die Ägypter nicht wirklich eine Wahl: Der einzige Herausforderer gilt als Alibikandidat, sämtliche aussichtsreiche Konkurrenten wurden zum Rückzug gedrängt. Zuletzt hatten 600 Persönlichkeiten zum Boykott der Wahl aufgerufen, darunter die früheren Präsidentschaftskandidaten Anwar al-Sadat und Abdel Moneim Abul Futuh sowie der Nasa-Weltraumforscher Essam Heggy.    

Der einzige Gegenkandidat ist der Vorsitzende der liberalen Al-Ghad-Partei, Mussa Mustafa Mussa. Er gilt als einer der größten Unterstützer Al-Sissis und reichte seine Kandidatur in letzter Minute ein, damit dieser nicht als Einziger bei der Wahl antritt. Mussa ist weitgehend unbekannt, zu einer Wahlkundgebung in Kairo kamen lediglich 30 Menschen.

Ahmed Shafiq, der letzte Ministerpräsident des gestürzten Diktators Mubarak, war aus Dubai zurückgekehrt, um sich zur Wahl zu stellen. Direkt bei seiner Ankunft wurde er jedoch am Flughafen Kairos festgenommen und drei Tage lang in einem Hotel festgehalten, bis er seine Kandidatur zurückzog. Auch Anwar al-Sadat, der Neffe des gleichnamigen 1981 ermordeten Präsidenten, wollte sich zur Wahl stellen lassen, teilte aber schließlich mit, in einem solchen Klima der Angst könne er nicht antreten. Ex-Generalstabschef Sami Anan, der in einem Kandidatenvideo die Kontrolle der Armee über die Wirtschaft und Politik des Landes kritisiert hatte, wurde daraufhin verhaftet. Ihm wurde vorgeworfen, "einen Keil zwischen Militär und Öffentlichkeit" zu treiben.

Al-Sissi stieg unter Mohammed Mursi zum Oberbefehlshaber der ägyptischen Streitkräfte auf. Nach dem Putsch gegen Mursi im Jahr 2013 setzte er sich als neuer Machthaber in Ägypten durch. Er inszeniert sich als frommer, sorgender Landesvater und verspricht, hart gegen den islamistischen Terrorismus vorzugehen; die Muslimbruderschaft will er "auslöschen". Das Militär feiert ihn als Garant für Stabilität, dem Westen gilt er als Regent eines Musterstaates im Nahen Osten. Allerdings wächst die ägyptische Wirtschaft nur langsam, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Auch das starke Bevölkerungswachstum stellt Ägypten vor eine große Herausforderung.

Al-Sissis Herrschaft trägt nach Angaben von Nichtregierungsorganisationen diktatorische Züge. Im April 2017 hatte Al-Sissi einen Ausnahmezustand verhängt, der den Sicherheitskräften weitreichende Sondervollmachten etwa bei der Festnahme und Überwachung von Verdächtigen verschafft – und auch unliebsamen Beobachtern Grenzen setzt. Nach Angaben der Organisation Reporter ohne Grenzen sitzen in Ägypten derzeit 30 Journalisten im Gefängnis. Zuletzt wurde die Ägyptenkorrespondentin der britischen Zeitung The Times, Bel Trew, festgenommen und ausgewiesen.

"Die Situation ist viel schlimmer als unter Mubarak", sagt Andreas Jacobs, langjähriger Büroleiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Kairo. "Der Polizeistaat geht mit größter Härte gegen jeden Ansatz von organisierter Opposition vor. Deren Anführer sind tot oder sitzen im Gefängnis." Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch wurden seit Al-Sissis Machtübernahme mehr als 1.400 Menschen getötet und mehr als 40.000 weitere festgenommen. Darunter sind vor allem Anhänger Mursis.