Wie ein Pharao schwebte Abdel Fattah al-Sissi über dem Wasser. Salutierend stand er am Bug seines Bootes, während fünf Trompeter mit goldenem Kopfputz seine herrschaftliche Fahrt akustisch vom Land aus begleiteten. Die Szene ereignete sich anlässlich der Feier zur Erweiterung des Sueskanals im Jahr 2015. So wie damals inszeniert sich Ägyptens Staatspräsident gerne als königlicher Herrscher.

Der neue Sueskanal ist eines der kostspieligen Megaprojekte, die sich Sissi bei seinem Amtsantritt 2014 vornahm. Die Bauvorhaben sagen eine Menge aus über den Herrscher Ägyptens und sein Verhältnis zum Volk, das 2011 im Arabischen Frühling das Regime Mubaraks stürzte. Denn während sich der abgehobene Präsident in Prestigevorhaben verliert, um in einer fernen Zukunft ausländisches Kapital anzuziehen, haben die Ägypter ganz andere, ziemlich reale Probleme und Sorgen. Ein Großteil von ihnen lebt in Armut, sie dürfen ihre Meinung nicht frei äußern und sich nicht mehr politisch organisieren. Von der Freiheit und Demokratie, die sie 2011 forderten, ist Ägypten weiter entfernt als jemals zuvor.

Unter dem Vorwand von Stabilität und Sicherheit ließ Sissi nach seinem Militärputsch gegen den frei gewählten islamistischen Staatspräsidenten Mohammed Mursi seine politischen Gegner rigoros verfolgen. Alle, die seiner Macht gefährlich werden können, hält er mit Antiterrorgesetzen in Schach. Die Gesetze schränken die Pressefreiheit ein, unterdrücken die Zivilgesellschaft und erlauben willkürliche Verhaftungen auf unbegrenzte Zeit.

Unbezahlbar: Brot, Wasser, Medizin, Miete, Schulbesuch

Sie treffen in erster Linie die Protagonisten der Revolution, Ägyptens viel gefeierte Jugendaktivisten. Weil sie gegen die neue Diktatur erst recht protestierten, wurden sie massenhaft eingesperrt. Über 60.000 politische Gefangene soll es in Ägypten geben, viele von ihnen wurden in der Haft gefoltert oder sind verschwunden. Aus der Generation Protest von 2011 wurde unter Sissi so die Generation Gefängnis, wie Amnesty International sie seit 2015 nennt.

Doch auch die politisch nicht aktiven Ägypter und Ägypterinnen befinden sich im vierten Jahr von Sissis Amtszeit in einer verzweifelten Lage. Ein Drittel der Bevölkerung kann sich die grundlegendsten Dinge – Brot, Wasser, Medikamente, Schulbildung oder die Miete – nicht leisten. In Ägypten, dem mit rund 97 Millionen Einwohnern größten Land der arabischen Welt, leben offiziellen Zahlen zufolge mehr als 30 Millionen Menschen unter der Armutsgrenze.

Die Hauptstadt Kairo platzt aus allen Nähten. Schon jetzt wohnen dort über 20 Millionen Menschen, und die Zahl nimmt rasend schnell zu. Aus Platzmangel bauen die Menschen ihre Baracken einfach auf alte Häuser; sie beziehen mit ganzen Familien Hausflure oder wohnen in den Mausoleen der Friedhöfe. Ganze Friedhofsstädte sind so in den letzten Jahrzehnten entstanden.

Durch die hohe Bevölkerungsdichte und schlechte Infrastruktur ist Kairo eine der schmutzigsten Städte der Welt. Doch statt Geld in die marode und berstende Hauptstadt zu investieren, baut Sissi lieber für viele Milliarden Euro eine neue Hauptstadt mitten in die Wüste.

Lange wird er dem enormen demografischen Druck so nicht mehr aus dem Weg gehen können. In den letzten 30 Jahren hat sich Ägyptens Bevölkerung verdoppelt, bis 2050 soll sie sich auf 150 Millionen verdreifacht haben. Die Menschen brauchen Nahrung, Wohnungen, Energie, medizinische Versorgung und Arbeit. Aber die Wirtschaft wächst kaum. Die Arbeitslosigkeit ist jetzt schon hoch; mehr als 30 Prozent der jungen Ägypter und Ägypterinnen haben laut Internationaler Arbeitsorganisation (ILO) keine Arbeit. Der Staat aber verschafft ihnen keine besseren Chancen: Die öffentlichen Ausgaben für die Bildung stagnieren.