Für die Türkei ist Afrin nur der Anfang – Seite 1

Über den Dächern von Afrin weht am Montag die türkische Flagge, auf die Hausmauern haben Ankaras Hilfstruppen ihre Namen gesprüht, und vor der zerstörten Statue des kurdischen Helden Kawa fotografieren sich türkische Soldaten in Siegespose: Einen Tag nach der Einnahme der nordsyrischen Stadt gibt es wenig Zweifel, wer dort das Sagen hat. Während die Türkei die Befreiung der Provinzstadt von den "Terroristen" feiert, trauern viele syrische Kurden um das Ende ihres Autonomieprojekts und befürchten den Beginn einer langen Zeit der Besatzung durch die Türkei.

Fast zwei Monate lang hatte sich die türkische Armee zusammen mit verbündeten Rebellengruppen Hügel für Hügel und Dorf für Dorf gegen den erbitterten Widerstand der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) vorgekämpft. Doch als sie schließlich an den Rand der Stadt Afrin vorgestoßen waren, ging alles ganz schnell: Praktisch kampflos verließen die YPG-Kämpfer mit dem Großteil der Bevölkerung am Wochenende die Stadt und überließen sie der türkischen Armee.

Während die türkischen Soldaten am Montag noch versteckte Sprengsätze räumten und ihre Positionen um die Stadt festigten, versicherte die türkische Regierung, die Kontrolle über Afrin bald übergeben zu wollen. "Wir werden nicht dauerhaft bleiben, wir sind keine Besatzer", versicherte Regierungssprecher Bekir Bozdağ. Das Ziel der Offensive sei stets gewesen, das Gebiet von "Terroristen" zu säubern und die Region ihren "rechtmäßigen Besitzern" zurückzugeben.

"Eher eine Art Protektorat"

Viele Beobachter glauben aber sehr wohl, dass die Türkei auf Dauer in Nordsyrien bleiben will, auch wenn sie kaum so weit gehen dürfte, sich das Gebiet einzuverleiben. "Eine Annexion wird es vermutlich nicht geben, eher eine Art Protektorat", sagt Kristian Brakel, Büroleiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Istanbul. Es gehe wohl darum, in Syrien "einen Fuß in der Tür zu haben, um bei den Gesprächen über die Zukunft des Landes mitreden zu können".

Zudem sei die Türkei daran interessiert, syrischen Flüchtlingen die Rückkehr zu erlauben. "Das erklärte Ziel Ankaras ist es, einen Teil der syrischen Flüchtlinge in der Türkei in Afrin anzusiedeln, nachdem ihre Präsenz in der Türkei zuletzt zunehmend zu gesellschaftlichen Spannungen geführt hatte", sagt Brakel. Vertreter der Kurden sehen darin einen Versuch, die demografische Zusammensetzung der historisch vorwiegend kurdischen Region zu verändern.

Einen raschen Abzug der türkischen Armee erwartet Brakel nicht, wenn er sieht, wie die Türkei in den Gebieten vorgeht, die sie während der Operation "Schutzschild Euphrat" 2016 und 2017 in Nordsyrien unter ihre Kontrolle gebracht hatte. "Wenn man die Gebiete unter türkischer Kontrolle im Norden von Aleppo anschaut, wo die Polizei, die Schulen und selbst die Post von der Türkei organisiert werden, scheint ihre Präsenz durchaus auf Dauer angelegt", sagt Brakel.

Magdalena Kirchner vom Istanbul Policy Center zieht einen Vergleich zur israelischen Besetzung der syrischen Golanhöhen 1967. Die Politologin, die lange zum Konflikt der Türkei mit der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) geforscht hat, hält einen Abzug der türkischen Armee nur dann für denkbar, wenn sich Ankara mit Damaskus im Tausch für Sicherheitsgarantien auf die Rückgabe der Region einigt oder Frieden mit der PKK schließt. Für realistisch hält sie dies nicht.

Beide Seiten wollen nicht aufgeben

Die YPG-Miliz und ihr politischer Arm, die PYD, sind seit ihrer Gründung durch die PKK 2003 ideologisch wie strukturell eng mit der Guerillagruppe verbunden. Die Türkei sieht daher die Präsenz des syrischen PKK-Ablegers an ihrer Südgrenze als Bedrohung an. Dass die YPG seit 2012 mit der stillschweigenden Duldung von Syriens Machthaber Baschar al-Assad in Afrin eine kurdische Selbstverwaltung aufgebaut hat, war für die Türkei inakzeptabel.

"Der Verlust von Afrin für das politische Projekt der demokratisch-autonomen Zone Rojava wiegt natürlich enorm schwer", sagt Kirchner. Allerdings sei die Niederlage in Afrin unvermeidbar gewesen. Zwar sei die YPG durch den Kampf gegen die Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) gestählt, doch seien die türkischen Streitkräfte "ein anderes Kaliber" gewesen. Mit einem militärischen Sieg der YPG "war zu keinem Zeitpunkt zu rechnen", sagt Kirchner.

Aus ihrer Sicht war der kampflose Abzug aus Afrin-Stadt notwendig, um das Szenario eines verlustreichen Häuserkampfs wie in Rakka oder Mossul zu vermeiden. In diesem Fall hätte die YPG nicht nur ihre politische Unterstützung im Westen, sondern auch ihren Rückhalt in der Bevölkerung auf Spiel gesetzt, sagt Kirchner. Aufgeben will die YPG aber nicht: Nach ihrem Rückzug drohte sie, der türkischen Armee mit Angriffen aus dem Hinterhalt das Leben zur Hölle zu machen.

"Ihr habt die Lehre nicht gelernt"

Auch die Türkei ließ keinen Zweifel daran, dass für sie der Kampf noch nicht zu Ende ist. Am Montag zeigte sich Präsident Erdoğan entschlossen, seinen Feldzug auf die Stadt Manbidsch und die Gebiete östlich des Euphrat auszudehnen, die ebenfalls von der YPG kontrolliert werden. "Wir haben ein Komma gesetzt. So Gott will, werden wir als Nächstes einen Punkt setzen", sagte der Präsident, der mit seiner international umstrittenen Offensive daheim eine Welle des Nationalismus ausgelöst hat.

Die Siegesmeldung in Afrin kam just an dem Tag, da die Türkei das Jubiläum ihres Siegs über die Alliierten im Ersten Weltkrieg an den Dardanellen feierte. Für den Kolumnisten İlnur Çevik war die Botschaft klar: "Wir haben euch vor 103 Jahren an den Dardanellen geschlagen, doch ihr habt die Lehre nicht gelernt", schrieb er in Daily Sabah mit Blick auf den Westen. Mit der "Befreiung von Afrin" zeige die Türkei nun erneut, dass sie sich "nicht herumschubsen" lasse.

Die Türkei fühlt sich von ihren westlichen Partnern hintergangen, da sie die YPG im Kampf gegen die Dschihadisten unterstützen. Die Regierung ist insbesondere erbost, dass die USA der Miliz auch schwere Waffen geliefert haben. Aus ihrer Sicht rüsten sie damit eine Terrorgruppe auf, die seit Jahrzehnten gegen ihren Nato-Partner kämpft. Die USA wollen trotz aller Kritik aber an dem Bündnis festhalten, um ein Wiedererstarken des IS in Syrien zu verhindern.

Erdoğans "osmanische Ohrfeige"

Sollte die Türkei ernst machen mit ihrer Offensive auf Manbidsch, droht eine direkte Konfrontation der Nato-Partner. Denn anders als in Afrin sind dort US-Spezialkräfte stationiert. Erdoğan hat ihnen mit einer "osmanischen Ohrfeige" gedroht, sollten sie nicht das Feld räumen. Doch das Pentagon hat wiederholt betont, dass es die kurdischen Verbündeten in Manbidsch nicht im Stich lassen will. Könnte es also passieren, dass Türken und Amerikaner aufeinander schießen?

"Ich halte eine weitere Offensive der Türkei auf Manbidsch für unwahrscheinlich, aber viel hängt vom Verhalten des neuen US-Außenministers Mike Pompeo ab", sagt Brakel. Sein Vorgänger Rex Tillerson hatte sich im Februar bei Gesprächen in Ankara um eine diplomatische Lösung bemüht, doch könnten die Absprachen von damals mit dem Wechsel des Amtsinhabers ihren Wert verloren haben, zumal Pompeo nicht gerade als Türkeifreund gilt.

Kirchner erwartet, dass die Türkei das in Afrin gewonnene politische Kapital nun in weiteren Verhandlungen mit den USA nutzen wird, um die Manbidsch-Frage zu seinen Gunsten zu entscheiden. An einer militärischen Konfrontation haben beide Seiten eigentlich kein Interesse. Aber so überhitzt, wie die Stimmung in Ankara ist, so desorganisiert die Regierung in Washington und so unübersichtlich die Situation in Syrien, lässt sich derzeit auch das nicht ausschließen.