Schon am Mittwoch richtete sich darum alle Aufmerksamkeit auf Nahles' 15-minütige Antwort auf die Regierungserklärung der Kanzlerin. Nach Merkels einstündiger, durchaus selbstkritischer Rede hatten die Sozialdemokraten im Bundestag kaum geklatscht, auch Nahles nicht, während sich die Abgeordneten der Union zu stehenden Ovationen erhoben. Würde die SPD-Fraktionschefin sich auch in ihrer Rede von der Union distanzieren?

Nahles wirkte ernst, manchmal weniger diplomatisch in der Formulierung, doch sie setzte sich inhaltlich nicht von Merkels Ansprache ab. "Wir wollen Brücken bauen", sagte sie über die neue große Koalition. Brücken für die unfriedliche Welt, das misstrauische Deutschland, aber eben auch zwischen SPD und Union. Es wäre ja auch schwer gewesen, auf Distanz zu gehen, wenn das Regieren noch nicht mal begonnen hat.

Es gibt aber noch ein Problem: die unverkennbare Sympathie zwischen Nahles und Merkel. Während Nahles' Auftritt nickt die Kanzlerin mehrfach lächelnd von der Regierungsbank in Richtung Rednerpult. Als Arbeitsministerin in der letzten großen Koalition hat Nahles sich unter Unionspolitikern viel Respekt erworben, der in den zähen Koalitionsverhandlungen in dem Maße gewachsen ist, wie Martin Schulz' Autorität in der SPD schwand. Zugleich teilen Merkel und Nahles das Schicksal, dass sie beide die große Koalition brauchen und versuchen müssen, auch mit Blick auf das Wohl der jeweils eigenen Partei das Beste aus ihr zu machen.

Sie haben sogar gemeinsame Gegner

Dabei haben Merkel und Nahles sogar die gleichen Gegner ausgemacht. Als die SPD-Fraktionschefin über den Pflegenotstand spricht und bemerkt, dass dieser sicher "die volle Konzentration des zuständigen Ministers" erfordere, da lacht Merkel befreit auf ihrer Regierungsbank. Denn beim "zuständigen Minister" handelt es sich um niemand anderen als Gesundheitsminister Jens Spahn, den größten CDU-internen Kritiker Merkels, der sich zuletzt mit provokanten Interviews über Hartz IV oder zum Umgang mit dem Werbeverbot für Abtreibungen als konservativer Hardliner zu profilieren suchte.

Nicht wenige Sozialdemokraten sehen einen dezidierten Konservativen wie Spahn als ideale Chance, die SPD für die Zeit nach Merkel zu profilieren: Seht mal, was Deutschland für ein Rollback droht, wenn der sich in der Union durchsetzt! Dann doch lieber die SPD wählen!

Das Problem ist nur: Im Streit um das Werbeverbot für Abtreibungen in Paragraf 219a Strafgesetzbuch hat die SPD selbst keine gute Figur gemacht. Der Paragraf stellt auch das neutralere Informieren über Schwangerschaftsabbrüche unter Strafe, wenn dies aus kommerziellem Interesse heraus passiert. Nachdem jüngst eine Ärztin deshalb verurteilt wurde, stellte sich die SPD auf die Seite der ungewollt schwangeren Frauen und wollte Paragraf 219a streichen. Dass die Union an der Regelung festhält, weil sie befürchtet, dass sonst Schwangerschaftsabbrüche normalisiert würden, war von den Sozialdemokraten durchaus eingepreist – Stichwort Eigenständigkeit eben.

Doch dann wurde der Widerstand in der Union und aus der katholischen Kirche immer größer. Er erreichte die praktizierende Katholikin Nahles, die schließlich mit dem Fraktionschef von CDU/CSU, Volker Kauder, verabredete, dass man in der großen Koalition gemeinsam einen Kompromiss erarbeiten werde – solange werde die SPD im Bundestag keine Alleingänge unternehmen.

Nun streitet die Koalition allerdings darüber, was Kompromiss bedeutet. Man werde den 219a ändern, sagt die SPD. Das sei nicht vereinbart worden, widerspricht die Union. Ein klassisches Koalitionsdilemma – und mittendrin Andrea Nahles, die in den eigenen Reihen, vor allem unter Feministinnen, als Spielverderberin gilt.

Ihr Ziel sei es, "jeden Tag zu beweisen, dass die parlamentarische Demokratie die beste aller Staatsformen ist", sagte Nahles am Mittwoch zum Abschluss ihrer Rede. Jeder im Kabinett beschlossene Gesetzentwurf könne im Bundestag vor der Verabschiedung noch mal neu verhandelt werden, davon lebe ein munteres Parlament. Doch die erste lebhafte Debatte – die um den Paragrafen 219a Strafgesetzbuch eben – hat Nahles ihrem Unionskollegen Kauder zuliebe abgewürgt. Zu allem Überfluss wirft nun auch noch der Wortführer der No-Groko-Bewegung, der Juso-Chef Kevin Kühnert, seiner SPD ein "Einknicken vor der Union" vor. Nein, das werden keine einfachen Jahre.