Der neue russische Botschafter in Deutschland hat auf die Erklärung des EU-Gipfels reagiert, in der sich die Staats- und Regierungschefs solidarisch mit Großbritannien und dessen Vorwürfen gegen Moskau erklären: "So eine Sprache ist inakzeptabel", sagte Sergej Netschajew der Neuen Osnabrücker Zeitung. Netschajew bekräftigte Russlands Angebot, bei der Aufklärung des Giftanschlags von Salisbury auf einen russischen Doppelagenten mit der internationalen Gemeinschaft zusammenzuarbeiten. "Aber wir sind gegen Ultimaten und unbewiesene Verleumdungen, geprägt von unangemessenen Aussagen und Parallelen", sagte Netschajew der Zeitung.

Die Staats- und Regierungschefs der EU vermuten die Auftraggeber der Täter von Salisbury in Russland. Es sei "höchst wahrscheinlich, dass die Russische Föderation verantwortlich ist", heißt es in einer Erklärung, auf die sich am späten Abend alle 28 EU-Staaten einigten. Damit schlossen sich die EU-Mitglieder in Brüssel deutlicher als bislang der Einschätzung der britischen Regierung an, die den Giftanschlag auf den früheren Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter Julia als politisch motivierten Angriff Russlands auf britischem Boden wertet.

Tonlage verschärft sich

Die Gipfelerklärung ist damit ein diplomatischer Erfolg für Großbritannien, das auf eine möglichst scharfe Verurteilung Russlands hingewirkt hatte. Für den Anschlag gebe es "keine andere plausible Erklärung" als eine Verantwortlichkeit Russlands, heißt es. Den Briten sicherten die Staats- und Regierungschefs "uneingeschränkte Solidarität" zu. Die EU rief außerdem ihren Botschafter in Moskau für Konsultationen zurück. Die Staats- und Regierungschefs wollten damit ihre Entschlossenheit zeigen, sagte ein EU-Vertreter. Derzeit leitet der deutsche Diplomat Markus Ederer die EU-Vertretung in Russland.

Damit verschärft die EU die Wortwahl und Tonlage gegenüber der Regierung in Moskau erheblich. Noch am Montag hatten sich die EU-Außenminister nicht auf eine klare Schuldzuweisung einigen können. Jetzt aber wurde als "sehr wahrscheinlich" angenommen, dass Russland für die Vergiftung Skripals verantwortlich sei, schrieb EU-Ratspräsident Donald Tusk. Die Vergiftung sei eine "gravierende Kampfansage an unsere gemeinsame Sicherheit", heißt es in der Erklärung des Europäischen Rats, und sie sei "in schärfster Weise" zu verurteilen.

Der Gipfelerklärung war ein langes Ringen vorausgegangen. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatten Theresa May unterstützt. Die drei Regierungen forderten eine starke europäische Antwort auf Russlands Vorgehen. In der vergangenen Woche gab es eine gemeinsame Erklärung der USA, Frankreichs, Deutschlands und Großbritanniens, in der Russland als mutmaßlicher Auftraggeber zur Aufklärung des Anschlags aufgefordert wurde. 

Vorbehalte von Ungarn und Griechenland

Die EU-Staaten legten sich aber nicht auf Sanktionen fest. Allerdings heißt es, dass sie ihre Konsequenzen "im Lichte der Antworten geben werden, die Russland anbietet". Hintergrund ist die Aufforderung an die russische Regierung, die Herkunft des Nervengiftes aufzuklären, das aus russischer Fertigung stammen soll. Die EU will zudem ihre Abwehrfähigkeiten gegen chemische, biologische und atomare Risiken verstärken.

Ungarn und Griechenland hatten zunächst Vorbehalte, Russland als wahrscheinlich verantwortlich zu bezeichnen. Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras sagte, man müsse zwar Solidarität mit dem Vereinigten Königreich ausdrücken. "Doch zugleich müssen wir ermitteln." Die litauische Präsidentin Dalia Grybauskaité erwägt eine Ausweisung russischer Diplomaten als Konsequenz aus der Affäre.

May hatte der Regierung in Moskau eine "dreiste und rücksichtslose Attacke" vorgeworfen, auch wurde Putin persönlich beschuldigt. Der Giftanschlag in Salisbury sei "ein weiteres Zeichen russischer Aggression vom Westbalkan bis zum Nahen Osten". Beim Abendessen forderte May nach Angaben aus britischen Regierungskreisen ihre EU-Kollegen auf, russische Geheimdienstmitarbeiter aus ihren Ländern auszuweisen.

Analyse der Blutproben legal

Ein britisches Gericht hatte internationalen Chemiewaffenexperten die Untersuchung von Blutproben des vergifteten Sergej Skripal und dessen Tochter Julia gestattet. Richter David Williams erteilte der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) die entsprechende Erlaubnis. Sergej Skripal und seine Tochter Julia befinden sich nach der Vergiftung am 4. März weiter im Koma, ihr Zustand wird von den Ärzten als ernst, aber stabil bezeichnet. 

Die Analyse der OPCW wird bis zu drei Wochen dauern. Der britische Richter befand, dass die Untersuchungen im Sinne der derzeit nicht äußerungsfähigen Skripals seien. In der Entscheidung heißt es zudem, es sei noch nicht absehbar, welche Langzeitfolgen die Vergiftung auf den Gesundheitszustand der Opfer haben werde. In der Stadt Salisbury erkrankte unterdessen ein zweiter Polizist nach dem Kontakt mit dem Gift. Ein anderer Beamter wurde nach zweiwöchiger Behandlung aus dem Krankenhaus entlassen.