Das sei allerdings umso komplizierter, als Deutschland sich traditionell dem Zusammenhalt der Europäischen Union verpflichtet fühle und niemanden brüskieren wolle, sagt Claire Demesmay, Frankreich-Expertin bei der Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin. Am Montagabend hatte Kanzlerin Merkel in Warschau gesagt, sie und die gesamte Bundesregierung würden "alles daran setzen, dass wir in Europa eine gemeinsame Agenda haben". Die EU müsse mit einer Stimme sprechen. Das erfordere "eine gewisse Sensibilität den jeweiligen Empfindungen gegenüber".

Die Frankreich-Expertin Demesmay deutet solche Aussagen folgendermaßen: "Es ist einfacher für Deutschland geworden, sich hinter der Skepsis anderer Länder zu verstecken", sagt sie. Die bisherige Ungewissheit über die deutsche Position habe andere ermutigt, sich zu äußern. Der leere Raum, den lange Zeit nur Macron gefüllt habe, sei zwischenzeitlich auch von Gegnern seiner Vorschläge entdeckt worden. "Nun kann Berlin auf diese Ablehnung verweisen und für Kompromisse und kleinere Fortschritte plädieren", sagt Demesmay. Das Gefühl der Dringlichkeit, wie es in Paris vorherrsche, fehle in Berlin. "Macron ist ungeduldig. Zeit und Zeitplan waren Teil seiner Strategie." Merkel hingegen hat Zeit.

Bis Juni sollen nun konkrete Fortschritte für die Bankenunion erzielt werden. Größtes Hindernis für eine Einigung sind derzeit die notleidenden Kredite europäischer Banken. Ende September 2017 waren es noch 759 Milliarden Euro. Rund ein Viertel davon befindet sich allein in Italien. Vorankommen wollen die Finanzminister Deutschlands und Frankreichs auch bei der Besteuerung von Digitalkonzernen wie Apple, Google und Facebook sowie bei der Angleichung der Unternehmensbesteuerung. Europas Bürger sollen vor den Wahlen zum EU-Parlament im Mai 2019 konkrete Beispiele erkennen, dass die EU ihnen nützt.

"Viel wird hinten runterfallen", sagt Ulrike Guérot. Die Professorin für Europapolitik und Demokratieforschung an der Donau-Universität Krems wirft den Berliner Politikern sogar "fahrlässige Konkursverschleppung in Sachen Eurozonenreform" vor. Auf drängende Fragen nach deren Weiterentwicklung war die Antwort seit 2013 "eine ganze Legislaturperiode lang hartnäckiges Schweigen", sagt Guérot. "Es wurde also viel Zeit verloren."

Macrons an der Sorbonne skizzierter Aufbruch sei verpufft. "Auf welchen Resonanzboden soll eine Rede fallen, die viel zu spät kommt?", fragt sie und zitiert den französischen Philosophen Voltaire aus Candide oder der Optimismus: "Gut gesagt, aber unser Garten muss bestellt werden." Wenn nicht nur ausgestreckte Hände ergriffen werden, sondern auch die überreichten Werkzeuge, wäre dies, frei nach Voltaire, womöglich doch noch ein Ausweg.