Ganz egal in welche Richtung man schaut, nach Washington, nach Moskau, nach Peking oder in den Nahen Osten – überall setzt sich das Recht des Stärkeren durch. Die Schlägertypen beherrschen die internationale Bühne. Als jüngstes Beispiel gilt der Giftanschlag auf den russischen Ex-Agenten Sergej Skripal und seine Tochter in Großbritannien. Die Regierung in London beschuldigt Russland, der Kreml dementiert. Je ungemütlicher, je grausamer die Welt, desto dringender stellt sich die Frage: Wie will die Europäische Union sich da behaupten?

Die einen sagen, die Europäische Union müsse endlich lernen, Weltpolitik zu machen. Am Horizont sehen sie schon eine EU, die bereit und fähig ist, ihre Interessen durchzusetzen, zur Not auch militärisch.

Die anderen sagen, Europa sei in dieser Welt ohnehin verloren. Die EU sei vollkommen hilflos gegenüber Mächten, die zur Brutalität bereit und fähig sind. Der Fall Skripal zeige das sehr deutlich. Verurteilen, Diplomaten ausweisen, Sanktionen. Mehr ist nicht drin im Waffenarsenal der Union. Russland lasse sich dadurch nicht beeindrucken und auch sonst keine autoritäre Macht.

Nicht ausgemacht, dass die EU überlebt

Wäre die EU ein Mensch, dann müsste man sagen, sie sei manisch-depressiv. Sie schwankt zwischen hochfliegenden Großmachtfantasien und tiefer Niedergeschlagenheit. Nur zu einem scheint die EU nicht fähig: zu einem nüchternen Verhältnis zu sich selbst. Das aber tut not, gerade in diesen schwierigen Zeiten. 

Eine realistische Selbstreflexion würde deutlich machen, dass die EU geschwächt wird von inneren Krisen, dass es ordentlich kracht zwischen Nord und Süd, zwischen Ost und West. Und ja, es ist keineswegs ausgemacht, dass die EU überleben wird. Es gibt existenzielle Krisen.

Doch die Union liegt bei genauerer Betrachtung im Wettbewerb mit anderen Mächten weit, sehr weit vorn. Das gilt für den inneren Frieden, das gilt für den allgemeinen Wohlstand, das gilt für das Maß an Freiheit, das gilt für die Sicherheit.

Die Union muss wehrhaft sein

Perfekt ist die EU nicht. Sie wird es auch nie sein. Sie bleibt work in progress ad infinitum – aber so viel Fortschritt müssen andere erst mal hinbekommen. Alle Welt weiß das, nur die Europäer scheinen es vergessen zu haben. Natürlich, Jean-Claude Juncker kann keine europäische Armee in Gang setzen und irgendwo einmarschieren lassen. Aber das ist kein bedauernswerter Umstand.

Es geht hier nicht darum, die EU gesundzubeten. Es geht darum, die Probleme und Schwächen zu benennen und dabei die Stärken der EU nicht zu vergessen. Die autoritären Mächte bereiten der EU eine Menge Schwierigkeiten. Das steht außer Zweifel. Doch daraus zu schließen, dass sie das Rennen bereits verloren hat oder so werden müsste wie diese Mächte, um sich zu behaupten – das ist beides ein Trugschluss.

Die Union muss wehrhaft sein. Und ist sie es dann, wenn die europäischen Bürger von der Idee, die ihr zugrunde liegt, überzeugt sind: Wir verpflichten uns zur Zusammenarbeit, wir geben uns Regeln, die unser Zusammenleben gestalten. Wir halten uns an diese Regeln. Mal gibt der eine mehr, mal der andere. Doch in der Summe gewinnen alle.

Es ist eine bestechend einfache Idee, die sich unglaublich schwer realisieren lässt. Es ist die Idee von einer demokratisch verfassten Gemeinschaft. Weder Moskau, Peking noch Ankara haben eine bessere anzubieten. Die Autokraten können freilich ihr Glück nicht fassen. Denn viele Europäer sind von Todessehnsucht erfasst. Sie sind verliebt in den eigenen Untergang.