Der französische Front National ist Geschichte. Am Sonntagnachmittag schlug Parteichefin Marine Le Pen auf einem Kongress im nordfranzösischen Lille vor, künftig unter Rassemblement National, also etwa "nationales Bündnis" oder "nationale Vereinigung" zu firmieren. Der neue Name solle die "psychologischen Vorbehalte" gegen die Partei abbauen. In den kommenden Wochen sollen die Mitglieder über das neue Parteilogo abstimmen. 

Bei einer Mitgliederbefragung in den vergangenen Monaten haben sich allerdings nur 52 Prozent dafür ausgesprochen, den Namen wirklich zu ändern. Das knappe Ergebnis ist ein Symptom dafür, wie uneins und ziellos die französischen Rechtsextremen nach ihrer Wahlniederlage im vergangenen Jahr heute sind. Während ihrer zweistündigen Rede konnte Le Pen nicht deutlich machen, welche Lösungen die Partei anbieten will. Aus dem Euro auszusteigen, war lange Zeit eines der wichtigsten Ziele des Front National; nun kann sich Le Pen offenbar nicht entscheiden, ob sie wieder den alten französischen Francs einführen will oder nicht. In Lille sagte sie nur vage, diese Entscheidung werde im Einklang mit den Franzosen getroffen. 

Ebenso wenig erklärte sie, ob sie die zuletzt geforderte staatstragende Sozialpolitik inklusive höherer Mindestlöhne und verstaatlichter Konzerne nun weiter vorantreiben oder doch wieder zurücknehmen möchte. Ursprünglich forderte der Front National unter ihrem Vater und Parteigründer Jean-Marie Le Pen jahrzehntelang liberale Wirtschaftsgesetze – der Kriegsveteran wollte Firmen von allen möglichen Auflagen befreien und sie so wirtschaften lassen, wie sie wollten.

Steve Bannons Auftritt auch im Front National umstritten

Zusammen mit ihrem Stellvertreter Florian Philippot schlug Le Pen dann seit ihrer Ernennung 2011 einen arbeitnehmernahen Kurs ein. Nach der Wahlniederlage 2017 trat Philippot aus, gründete seine eigene Partei und scheint auch die wirtschaftliche Ausrichtung mitgenommen zu haben: Auf dem Kongress sprach ausgerechnet der ultraliberale und von US-Präsident Trump abservierte US-Berater Steve Bannon

Bannon verfügt über keine politische Macht mehr, rief aber den Anhängern des Front National zu, die Populisten hätten fortan nur noch Siege vor sich. Sein Auftritt war auch in der Partei umstritten, schließlich ist er eher eine Person der Vergangenheit denn des Aufbruchs. Der Europaabgeordnete Gilbert Collard sagte, Bannon liefere nur Munition für die Kritiker und stehe der "Normalisierung" der Partei entgegen, die alle erreichen wollten. 

Offenbar konnte Le Pen keinen der europäischen Rechtsextremen für ihren Kongress gewinnen. Während ihre italienischen Freunde von der Lega in Italien und der FPÖ in Österreich Erfolge feiern, ist die Parteierbin seit mehr als einem Jahr glücklos. Damals, im Januar 2017, schien es noch, als könnte Le Pen gar Präsidentin von Frankreich werden. Doch sie scheiterte im Wahlkampf, verhedderte sich in Interviews und versagte vollständig im entscheidenden TV-Duell gegen Emmanuel Macron; verwechselte Firmennamen, konnte sich nicht entscheiden, ob sie aus dem Euro aussteigen wolle oder nicht und beschimpfte Macron so aufgebracht und aggressiv, dass viele Franzosen wohl Angst davor hatten, ihr die Macht im Land zu überlassen.

Seitdem klebt das Verliererinnen-Image an ihr, obwohl sie am Ende mehr als ein Drittel der Französinnen und Franzosen überzeugte, womit der Front mehr Stimmen holte als jemals zuvor bei einer landesweiten Wahl. Le Pens Beliebtheit sinkt von Monat zu Monat. Die Mehrheit der Franzosen findet die 49-Jährige nach wie vor unsympathisch und ungeeignet, zu regieren. Ihre eigenen Stammwähler und Parteimitglieder halten ihr zwar die Treue: Am Sonntagmorgen wurde sie fast einstimmig als Parteichefin wiedergewählt. Aber sehr viele ihrer Kritiker sind in den vergangenen Monaten ausgetreten. In Südfrankreich haben einige Städte sogar die Hälfte ihrer Aktivisten verloren.