ZEIT ONLINE: Silvio Berlusconi, Matteo Salvini, Luigi Di Maio, Matteo Renzi, Paolo Gentiloni – der italienische Wahlkampf scheint stark von Männern dominiert. Dabei gibt es sogar eine Geschlechterquote in der Politik. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz?

Alessia Donà: Die Spitzenkandidaten der fünf größten Parteien sind ausschließlich Männer; und Italien hatte nie auch nur eine Kandidatin für das höchste politische Amt. Das erweckt den Eindruck, Frauen würden in der italienischen Politik keine Rolle spielen. Aber das stimmt nicht. Frauen werden politisch aktiver. In der letzten Legislaturperiode waren beispielsweise 31 Prozent aller Abgeordneten im italienischen Parlament weiblich – der Anteil war so hoch wie noch nie. Die Frage ist nun: Wird die Wahl am Sonntag diesen Trend bestätigen?

ZEIT ONLINE: Im aktuellen Wahlkampf hat sich vor allem eine Frau hervorgetan: Virginia Raggi. Sie gehört zur rechtspopulistischen Fünf-Sterne-Bewegung und wurde 2016 zur ersten Bürgermeisterin von Rom. Wie bewerten Sie ihre Rolle?

Alessia Donà ist außerordentliche Professorin für Politikwissenschaften am Soziologischen Institut der Universität Trento. Sie verantwortet derzeit den Kurs "Professione Politica!", der Frauen und Männer zur Teilhabe an Wahlkampagnen ausbildet. © Alessia Donà für ZEIT ONLINE

Donà: Virginia Raggi ist Teil einer Gruppe von Frauen, die endlich an die Macht und an sichtbare Führungspositionen gekommen sind. Dazu zählen auch Chiara Appendino, die Bürgermeisterin von Turin, und Laura Boldrini, die Präsidentin der Abgeordnetenkammer. Mit ihrer Wahl gibt es erste Risse in der Glasdecke, und ich hoffe, dass mehr Frauen sich zusammentun und diese Decke bald zerbrechen werden.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie?

Donà: Das neue Wahlrecht erfordert, dass mindestens 40 Prozent der Listenplätze an Frauen vergeben werden. In der Folge haben alle Parteien die Zahl der Kandidatinnen deutlich erhöht. Wie viele davon am Sonntag gewählt werden, ist nicht absehbar. Das neue Wahlsystem wurde nie erprobt und viele Wählerinnen und Wähler sind noch unentschlossen. Sollte sich der Frauenanteil im Parlament weiter erhöhen – und darauf hoffe ich –, wäre das ein wahres Zeichen für Wandel und hätte einen großen Einfluss weit über die politische Arena hinaus.

ZEIT ONLINE: Inwiefern verändert ein höherer Frauenanteil die Art, Politik zu machen?

Donà: Empirische Studien zeigen, dass Frauen einen größeren Einfluss auf die Gesetzgebung haben, wenn sie nicht mehr nur einige wenige Individuen sind, sondern eine relevante Gruppe im Parlament bilden. Sie können dann zusammenarbeiten und gemeinsam für ihre Interessen eintreten und so auch ihre männlichen Kollegen beeinflussen, frauenfreundliche Gesetze zu erlassen. Geschlechtergerechtigkeit kann auch die Qualität von Führung beeinflussen, weil sie repräsentativer ist und Ressourcen entsprechend verteilt. Und schließlich bieten Politikerinnen Vorbilder, als Frauen mit Autorität, was allgemein die Rolle von Frauen außerhalb des Haushalts stärken kann. 

Wer Geschlechtergerechtigkeit anspricht, wird angegriffen

ZEIT ONLINE: Eine Umfrage von 2011 befand, dass Italienerinnen mehr als andere Frauen in Europa unter einer Machokultur leiden und unter der unfairen Aufteilung von Hausarbeit und Erziehung. Offenbar hatten 70 Prozent der italienischen Männer niemals einen Herd benutzt und 95 Prozent niemals eine Waschmaschine. Ist die Situation 2018 immer noch so miserabel?

Donà: Wenn wir auf den Arbeitsmarkt schauen, besteht die Geschlechterteilung fort. Laut OECD hat Italien unter allen EU-Ländern die zweitniedrigste Beschäftigungsquote von Frauen, nämlich rund 48 Prozent im Jahr 2017. Viele Frauen sind durch die Mutterschaft gezwungen, sich aus dem Berufsleben zurückzuziehen. Der italienische Sozialstaat ist stark geprägt von einer patriarchalen Kultur. Nutznießer ist der arbeitende Mann, und die traditionelle Familie ist das wichtigste Ordnungsprinzip des sozialen Lebens. Das wird schon kleinen Kindern so beigebracht. Themen wie patriarchale Kultur und Geschlechterstereotype werden im Bildungssystem kaum angesprochen. Auch in Hochschulen sind Gender-Studien nur sporadisch vertreten. Aber die Dinge ändern sich. Zum Beispiel wurden im letzten Jahrzehnt in ganz Italien, im Norden wie im Süden, Zentren für Gender-Studien eingerichtet. Auch in Schulen gibt es Programme, die Geschlechterrollen ansprechen. Diese Programme sind aber verstreut und werden nicht von allen angenommen.

ZEIT ONLINE: Der Widerstand gegen diese Veränderung ist immer noch groß?

Donà: Viele Initiativen, die Geschlechtergerechtigkeit in Grundschulen und weiterführenden Schulen ansprechen, werden von der Kirche, konservativen NGOs oder rechten Politikern angegriffen. Es gibt beispielsweise die "Sentinelle in piedi"-Bewegung, die "stehenden Wächter". Sie wirken auf den ersten Blick jung und modern, kämpfen aber gegen die Ehe für alle und behaupten, es gebe keine LGBT, weil die einzig mögliche und natürlich festgeschriebene Kategorie die von Mann und Frau ist. Es gibt auch regelmäßig Demonstrationen gegen Lehrpläne unter dem Vorwand, die Kinder zu "beschützen" vor der "Gender-Ideologie".

ZEIT ONLINE: Die Entwicklung ist insofern überraschend, wenn man auf die frühe Geschichte von Frauen in Italien blickt. Zum Beispiel schrieb die Venezianerin Christine de Pizan Anfang des 15. Jahrhunderts Das Buch von der Stadt der Frauen, eine Art Lesebuch über berühmte Frauen aus der biblischen, antiken und jüngeren Geschichte. Sie bilden das Fundament einer neuen Welt. Tatsächlich hatte Italien danach viele mächtige Frauen: Herrscherinnen, Denkerinnen, Künstlerinnen. Heute haben Frauen in Politik und Medien kaum was zu sagen. Was geschah dazwischen?

Donà: Insbesondere die faschistische Periode Anfang des 20. Jahrhunderts dürfte ein Vermächtnis hinterlassen haben. Zu dieser Zeit wurden Frauen mit Unterstützung der katholischen Kirche gezwungen, Schule und Arbeitsplatz zu verlassen und eine regina del focolare domestico zu werden, eine Königin des heimischen Herds. Filme wie Ettore Scolas Ein besonderer Tag (1977) mit Sofia Loren und Marcello Mastroianni zeigen das auf eindrucksvolle Weise. In der faschistischen Propaganda war es die Aufgabe der Frauen, zum italienischen Bevölkerungswachstum beizutragen – ein Zeichen nationaler Fruchtbarkeit und eine Ausrede für eine imperialistische Expansion. Vor diesem Hintergrund gefährdete jede ökonomische oder politische Unabhängigkeit für Frauen das nationale Projekt. Es gab zwar Frauen im Widerstand, 1945 erlangten Frauen das Wahlrecht, es gab feministische Bewegungen, und es trat ein Prozess der Säkularisierung ein, dennoch ist die traditionelle Rolle der Frau bis heute in der Kultur und der Demokratie festgeschrieben. Es gibt aber Anzeichen von Widerstand und Veränderung.

ZEIT ONLINE: Haben Sie ein Beispiel?

Donà: Während der letzten Berlusconi-Regierung 2008 bis 2011 empörten sich immer mehr Menschen gegen dessen Frauenfeindlichkeit und verteidigten die Würde der Frauen. Unter anderem schrieb Michela Marzano ein einflussreiches Buch mit dem Titel Sii bella e stai zitta. Perché l’Italia di oggi offende le donne (2012), übersetzt: "Sei schön und halt die Klappe; warum das heutige Italien Frauen beleidigt". Und Lorella Zanardo machte einen erfolgreichen Dokumentarfilm über den Körper von Frauen. Die Gruppe Se Non Ora Quando?, "Wenn nicht jetzt, wann dann?", organisierte Massendemonstrationen, und jüngst mobilisierten feministische Gruppen wie Non Una di Meno gegen Gewalt gegen Frauen. Frauen aus der Unterhaltungsbranche schrieben außerdem einen offenen Brief gegen sexuellen Missbrauch in ihrer Industrie. Vor den Augen der politischen Institutionen und Parteien, die auf männliche Standards zugeschnitten sind, organisiert sich also die Zivilgesellschaft in feministischem Aktivismus.