Gina Haspel - Neue CIA-Direktorin leitete Foltergefängnis Die designierte CIA-Direktorin Haspel soll für das Foltern von Terrorgefangenen verantwortlich gewesen sein. Sie gilt selbst bei einigen Republikanern als umstrittene Kandidatin. © Foto: AP/dpa

Dass man so wenig über Gina Haspel weiß, liegt in der Natur der Sache. Die 61-Jährige war in ihrer mehr als 30 Jahre langen Karriere bei der CIA jahrelang als Undercover-Agentin für die Geheimdienstbehörde tätig – da gehörte es zum Job, möglichst unauffällig zu bleiben. Jetzt aber wird Haspel die Öffentlichkeit kaum erspart bleiben: Die US-Amerikanerin könnte in wenigen Wochen die erste Frau an der Spitze der wichtigsten US-Geheimdienstbehörde werden und damit Mike Pompeo ablösen, den US-Präsident Donald Trump nach dem Rauswurf von Rex Tillerson zum neuen Außenminister gemacht hat.

Die Schattenseiten ihrer künftigen prominenten Rolle bekommt Haspel dabei schon jetzt zu spüren. Noch am Tag ihrer offiziellen Nominierung holte sie ihre eigene Vergangenheit ein. Und die hat Haspel schnell zur wohl umstrittensten Kandidatin für den Posten der CIA-Chefin gemacht.

2002, knapp ein Jahr nach den Anschlägen auf das World Trade Center, war Haspel verantwortlich für ein Geheimgefängnis in Thailand, in dem auch Terrorverdächtige von Al-Kaida saßen. Später kam heraus, dass in "Cat’s Eye" – so der Deckname der Einrichtung – zwei Gefangene während der Befragungen gefoltert worden waren. Ein Verdächtiger soll dabei unter anderem 83-mal dem Waterboarding unterzogen und in eine Sarg-ähnliche Kiste gesperrt worden sein. Wenige Jahre später setzte sich Haspel für die Vernichtung von Videoaufnahmen der Folterungen ein. 

Das Justizministerium ermittelte, doch zahlreiche Geheimdienstmitarbeiter standen an der Seite der angesehenen CIA-Frau. Haspel habe nach dem 11. September die "Drecksarbeit" gemacht, die notwendig gewesen sei, argumentierten sie. Auch die Anwälte der CIA stuften das Verhalten von Haspel als legal und angemessen ein. Eine Anklage blieb aus.    

Kritiker aber stellt das angesichts der Nominierung für den Spitzenposten der Behörde nicht zufrieden. "Sind das wirklich die Werte, die die USA nach außen vertreten sollten? Die CIA könnte genauso gut anfangen, Totenköpfe und Blitze auf ihre Uniformen zu drucken", schrieb der Whistleblower Edward Snowden in einem von zahlreichen Tweets am Dienstag.

Haspel gehöre "nach Den Haag, nicht ins Büro des CIA-Direktors", sagte der ehemalige CIA-Analyst John Kiriakou der NachrichtenagenturReuters in Anspielung auf den Internationalen Strafgerichtshof. Sie sei die Patin der Folterprogramme und habe "Blut an ihren Händen". Auch zahlreiche Menschenrechtsorganisationen legten Protest ein.

Trump will Foltermethoden wieder einführen – Haspel auch?

Die Zeit in Thailand überschattet Haspels steile Karriere in der US-Geheimdienstbehörde. Nachdem sie 1985 zur CIA gekommen war, arbeitete Haspel zunächst für die Europaabteilung. Später verbrachte sie mehrere Jahre in der Türkei und in Zentralasien und stieg in der ansonsten von Männern dominierten Branche schnell auf. Gleich zweimal war sie verantwortlich für die einflussreiche Londoner Zweigstelle, die eng mit dem britischen Geheimdienst MI6 zusammenarbeitet. Als Chefin des New Yorker CIA-Büros arbeitete Haspel nach der Tötung von Osama bin Laden eng mit dem FBI zusammen, um sichergestellte Dokumente zu analysieren. Nach ihrer Zeit in Thailand kehrte sie nach Washington zurück und arbeitete für die Antiterror-Einheit der Behörde. 

Als die Vorfälle aus Thailand bekannt wurden, kam die Karriere von Haspel ins Stocken, bis Donald Trump überraschend die Präsidentschaftswahl gewann. Im Februar 2017 wurde Haspel auf dessen Wunsch zur Nummer zwei der CIA. Aber schon damals stand Haspel aufgrund ihrer Tätigkeit in Thailand in der Kritik. Die US-Bürgerrechtsorganisation American Civil Liberties Union kritisierte die Beförderung. Die demokratischen Senatoren Ron Wyden und Martin Heinrich erklärten in einem Schreiben an Trump, Haspels Hintergrund mache sie für die Position "ungeeignet". Und auch in Europa geriet sie unter Druck: Die Organisation European Center for Constitutional and Human Rights in Berlin forderte die Bundesstaatsanwaltschaft im Sommer auf, einen Haftbefehl gegen Haspel auszustellen. Bislang blieb der aus, doch ausgestanden ist der Konflikt damit nicht. "Interessant: Die neue CIA-Direktorin kann möglicherweise nicht in die EU reisen, um sich mit anderen Spionagechefs zu treffen, weil gegen sie eine Klage vorliegt", kommentierte Snowden am Dienstag. 

Die Enthüllungen aus der Zeit nach dem 11. September hatten die offizielle Einstellung der USA zur Folterung von Gefangenen verändert. Ex-Präsident Barack Obama erklärte jegliche Folter 2009 per Dekret für illegal, auch das Militär hat Methoden wie das Waterboarding aus dem Katalog der zulässigen Verhörtechniken gestrichen. Jetzt aber könnte ein Kurswechsel bevorstehen. Die Nominierung von Haspel zeige den Willen des Präsidenten, die bisherige Debatte zum Thema zu ignorieren, schrieb die New York Times am Dienstag. Trump hatte schon im Wahlkampf mit der Ankündigung, das Waterboarding wieder einführen zu wollen, vielfach für Entsetzen gesorgt. Es ist anzunehmen, dass die Senatoren Haspel fragen werden, ob sie die Ansicht des Präsidenten teilt. 

Republikaner McCain kündigt harte Befragung zu Thailand an

Für die Senatoren ist es die erste Gelegenheit, die einflussreiche CIA-Frau öffentlich zu den Vorfällen in Thailand zu befragen. Und nicht nur unter den Demokraten im Kongress gibt es Kritiker. Der republikanische Senator John McCain, der während des Vietnamkriegs selbst als Kriegsgefangener gefoltert worden war, kündigte per Twitter eine harte Befragung an: "Die Folterung von Gefangenen gehört zu den dunkelsten Kapiteln der amerikanischen Geschichte. Der Senat muss die Rolle von Gina Haspel in dem schändlichen Programm klären." Sein Parteikollege Rand Paul erklärte am Mittwoch bereits, gegen die Ernennung stimmen zu wollen.

Auf der offiziellen Webseite der CIA wird Haspel als "hochdekorierte Mitarbeiterin" mit "umfassender Auslandserfahrung" beschrieben. Ehemalige Kollegen bezeichnen Haspel als unpolitische, aber zähe Geheimdienstmitarbeiterin, die kein Blatt vor den Mund nehme. Für ihre Rolle während der Befragungen werde sie sich rechtfertigen müssen, sagte Amy Jeffress, eine Mitarbeiterin des ehemaligen Justizministers Eric Holder, die mit Haspel in London zusammengearbeitet hatte, der New York Times. "Aber ich bin sicher, sie hat aus ihren Fehlern gelernt und wird eine umsichtige und gewissenhafte CIA-Chefin sein."

Sollte Haspel die Anhörungen überstehen, glauben viele in Washington, warte auf die 61-Jährige der wohl härteste Job ihrer bisherigen Laufbahn. Auch aus einem anderen Grund: Ihr Vorgänger Pompeo hatte die eigentlich übliche Distanz zum Weißen Haus aufgegeben und war in den Monaten seiner Amtszeit zu einem der engsten Vertrauten von Trump geworden. In Washington, auch innerhalb der eigenen Behörde, hatte das für Unbehagen gesorgt. Jetzt wäre es an Haspel, die Balance wiederherzustellen.