Britische Polizei und Geheimdienste prüfen, ob Russland in weitere, nicht aufgeklärte Todesfälle verwickelt sein könnte. Insgesamt würden 14 Fälle untersucht, sagte die britische Innenministerin Amber Rudd. In der vergangenen Woche hatte der Innenausschuss des britischen Parlaments gefordert, die Ermittlungen neu aufzurollen. Medien hatten Parallelen zum Fall des vergifteten Doppelagenten Sergej Skripal gezogen.

Rudd vermutete aber, dass bei vielen der 14 Fälle kein Zusammenhang mit Russland bestehe. Sie erwarte, dass das Land in maximal einem bis vier der Fälle involviert sei, sagte sie dem Evening Standard. BuzzFeed News hatte bereits im Letzten Jahr eine Verbindung der 14 Todesfälle zum russischen Geheimdienst unterstellt. Die Fälle in Großbritannien und den USA reichen bis ins Jahr 2006 zurück. Darunter sind der Oligarch Boris Beresowski, der Whistleblower Alexander Perepilitschny und der frühere Spion Alexander Litwinenko. Der Kremlkritiker und Ex-Spion Litwinenko war 2006  an einer radioaktiven Vergiftung gestorben. Als Hauptverdächtige gelten zwei ehemalige Spione, die Regierung Moskau verweigert jedoch deren Auslieferung.

Noch bis zum Abend läuft ein Ultimatum der britischen Regierung an Russland. Die britische Premierministerin Theresa May wirft Russland vor, für die Vergiftung von Skripal und seiner Tochter verantwortlich zu sein. Die Regierung in Moskau soll sich zu dem Fall gegenüber der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) erklären. Andernfalls drohten Konsequenzen, sagte Theresa May, ohne Details zu nennen. Die Frist laufe um Mitternacht ab, sagte ein Sprecher der britischen Regierung. Die russische Regierung will auf das Ultimatum nicht eingehen. Sie erklärte sich lediglich bereit, in dem Fall mit Großbritannien zusammenzuarbeiten, verlangt aber kompletten Zugang zu den Ermittlungen und den Nervengiftproben.

Der Ex-Agent Skripal und seine Tochter waren am 4. März bewusstlos auf einer Parkbank in der südenglischen Kleinstadt Salisbury entdeckt worden. Die beiden sind, nach Angaben der britischen Regierung, der Substanz Nowitschok ausgesetzt gewesen, die gegen Ende des Kalten Krieges in der Sowjetunion entwickelt worden sei. Offizielle russische Stellen hätten den Anschlag entweder direkt in Auftrag gegeben oder ihn zumindest ermöglicht, hatte May am Montag gesagt. Den Giftanschlag wertete sie als "willkürlichen und schamlosen Angriff auf das Vereinigte Königreich".