Was schiefgelaufen ist, kann man an Zahlen ablesen: 2015 waren es 102.000, ein Jahr später 114.000, und im vergangenen Jahr mehr als doppelt so viele. Im zurückliegenden Jahrzehnt haben mehr als 1,5 Millionen Menschen Italien verlassen. Vor allem junge, gut ausgebildete Italiener gingen nach Nord- und Westeuropa. Nur nach dem Zweiten Weltkrieg war die Auswanderung ähnlich dramatisch.

Italien, dieses durch seine einzigartige Geschichte, Natur und Lage am Mittelmeer gesegnete Land, ist für viele Italienerinnen und Italiener nicht mehr lebenswert. Diese Distanz zeigt sich nun auch im Ergebnis der Parlamentswahl: Rund die Hälfte der Wählerinnen und Wähler haben sich für populistische Protestparteien entschieden. Die Anti-Establishment-Bewegung der Fünf Sterne holte rund 32 Prozent der Stimmen, die fremdenfeindliche Lega rund 18 Prozent, die rechtsextreme Partei Brüder Italiens gut 4 Prozent. Viele gingen gar nicht erst zur Wahl; rechnet man sie hinzu, ist die Zahl der Unzufriedenen noch weit höher.

In kaum einem anderen Land der Europäischen Union ist der EU-skeptische Populismus damit stärker ausgeprägt. Das Wahlergebnis ist eine Herausforderung für die neue Regierung in Rom und zugleich eine Warnung für die Kommission in Brüssel und die Regierungen in Paris und Berlin: Wenn es so weitergeht wie bisher, wenn keine europäische Lösung in der Flüchtlingskrise gefunden wird, dann wird sich Italien noch stärker von der EU abwenden.

Angst, Zorn, Hoffnung

Italien hat die Finanz- und die Flüchtlingskrise in den vergangenen Jahren weitgehend ohne finanzielle Unterstützung von außen bewältigen müssen – dadurch stieg der Frust im Inneren. Das Thema Migration hat den Wahlkampf beherrscht wie kein anderes. Gleichzeitig ist die Arbeitslosigkeit konstant hoch, das Wirtschaftswachstum dauerhaft schwach. Eine Folge: Das Misstrauen gegenüber den etablierten Parteien, dem italienischen Staat und der EU ist kontinuierlich gestiegen. Laut Umfragen zweifeln etwa 80 Prozent der Italiener an der Glaubwürdigkeit ihrer Behörden. Im Jahr 2007 gaben noch 58 Prozent der Italiener an, der EU zu vertrauen, im Herbst 2017 waren es nur 34 Prozent.

In Italien kam der Frust, gemischt mit Sarkasmus, lange als amüsanter Witz daher. So sah es zumindest von außen aus, als der Komiker Beppe Grillo vor knapp zehn Jahren durch Italien zog und sich über die politische Klasse seines Landes lustig machte. Als Grillo die Fünf-Sterne-Bewegung erfand, verstanden viele kaum, was da geschah – welche Ängste, wie viel Zorn und auch Hoffnung der Entertainer zu entfesseln im Stande sein würde.

Wie ernst die Grillini von ihren zahlreichen Anhängern genommen werden, verdeutlicht jetzt das Wahlergebnis. Seit Jahrzehnten hat es in Italien keine Partei mehr geschafft, so viele Wähler von sich zu überzeugen.

Luigi Di Maio, der 31-jährige Anwärter auf das Amt des Ministerpräsidenten, muss nun für seine Bewegung Verhandlungen über eine neue Regierung führen. Er wird zeigen müssen, ob er mehr ist als Grillos Marionette. Mit welcher Partei Di Maio ein Bündnis eingehen könnte, ist schwer zu sagen: In der Migrations- und Familienpolitik tendiert die Fünf-Sterne-Bewegung eher nach rechts, was für eine Kooperation mit der Lega spricht. In wirtschaftlichen Fragen aber steht sie mit ihren Ideen zur Umverteilung eher links, nahe bei Matteo Renzis Partito Democratico – allerdings hat die Fünf-Sterne-Bewegung im Wahlkampf auch versprochen, Teile von Renzis Arbeitsmarkt- und der Rentenreform rückgängig zu machen.

Wahlverlierer Berlusconi

Silvio Berlusconi hingegen ist – überraschenderweise – nach Matteo Renzi der größte Wahlverlierer: Seine Partei Forza Italia holte weniger Stimmen als die fremdenfeindliche Lega, mit der die Forza Italia ein Bündnis eingegangen ist. Berlusconis ausländerfeindlicher Wahlkampf hat sich nicht gelohnt. Stattdessen gewannen die rechten, originär fremdenfeindlichen Parteien: Zusammengerechnet legten die Lega und Fratelli d'Italia 16 Prozent zu.

Das ist beängstigend. Italien hat gewählt, aber es hat noch lange keine neue Regierung. Es könnte Wochen dauern, eine zu bilden – falls es überhaupt gelingt. Neuwahlen aber würden nichts besser machen.

Jetzt kommt es darauf an, wie sich die Fünf-Sterne-Bewegung entscheidet: Entweder übernimmt sie erstmals Verantwortung in einer Regierung oder sie überlässt das Land erneut einer großen Koalition. So oder so: Italien bleibt wohl instabil – und die Auswanderung gen Norden wird damit so schnell nicht gestoppt.