Wenige Tage nach dem Russland zugeschriebenen Giftanschlag auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal warnt Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg vor neuen Bedrohungen durch die russische Regierung. "Der Anschlag von Salisbury ist vor allem Ausdruck eines bestimmten Musters, das wir seit einigen Jahren beobachten: Russland wird immer unberechenbarer und immer aggressiver",  sagte Stoltenberg in einem Interview der Welt am Sonntag. Nach der illegalen Annexion der Krim, der Stationierung von Truppen in Georgien und zahlreichen Cyberattacken gebe es nunmehr weitere Bedrohungen.

"Wir sehen neuerdings, wie Russland Nuklearwaffen in die Militärdoktrin und in Militärübungen zusammenführt", sagte Stoltenberg. Es bestehe "die Gefahr, dass die russische Regierung sich schrittweise vom Einsatz konventioneller Waffen in Richtung Nuklearwaffen bewegen könnte". Die Nato-Staaten müssten darum ihre Verteidigungsbereitschaft und ihre Fähigkeiten weiter verbessern.

Sergej Skripal - Westen verschärft Ton gegen Russland Deutschland, Frankreich, Großbritannien und die USA machen Russland für den Anschlag auf den Ex-Spion Skripal verantwortlich. Russland wies die gemeinsame Erklärung als »rüpelhaft« zurück. © Foto: Kirill Kudryavtsev/Getty

"Ich denke, dass Kanzlerin Merkel und ihre Kollegen beim Nato-Gipfel im Juli in Brüssel neue Entscheidungen treffen werden. Wir müssen wachsam und entschlossen sein", sagte der frühere norwegische Ministerpräsident. Russland dürfe sich nicht verkalkulieren. "Wir sind jederzeit bereit zu antworten, wenn ein Verbündeter militärisch angegriffen wird. Wir wollen glaubhaft abschrecken. Wir wollen keinen Krieg." Ziel der Nato sei vielmehr die Deeskalation.

Großbritannien macht Russland für den Giftanschlag von Salisbury verantwortlich und hat russische Diplomaten ausgewiesen. Die meisten westlichen Staaten haben sich der britischen Einschätzung angeschlossen, obgleich eindeutige Beweise bislang nicht vorliegen. Der frühere deutsche Außenminister Sigmar Gabriel warnte vor einer Vorverurteilung Russlands. "Jemand ist solange unschuldig, bis jemand das Gegenteil bewiesen hat", sagte er. Er verstehe die britische Besorgnis, weil der Einsatz eines chemischen Kampfstoffes zur Tötung eines Menschen "ein Skandal" sei. "Ich rate uns allerdings dazu, als Deutsche und Europäer in der Debatte sich nicht hineintreiben zu lassen in eine immer schriller werdende öffentliche Diskussion."