Ein Festsaal im Süden Roms, drei Tage vor der Parlamentswahl: Luigi Di Maio betritt die Bühne. Dutzende TV-Kameras nehmen ihn in den Fokus. Mariella Basile umklammert ihr Smartphone. Er, der Spitzenkandidat der Fünf-Sterne-Bewegung, stellt sich aufrecht vor die Zuschauer. Sie, die Juristin, macht ein Foto von ihm. Er lächelt, sie freut sich.

Luigi Di Maio lacht oft. Sein jungenhaftes unschuldiges Lächeln ist meist das Erste, was Menschen an ihm wahrnehmen. Mariella Basile mag dieses Lächeln. Sie ist keine Aktivistin, die für die Fünf-Sterne-Bewegung Geld spendet oder Wahlkampf macht. Aber seit Jahren verfolgt die 33-Jährige, was Di Maio macht. Wenn sie Zeit hat, besucht sie Veranstaltungen, auf denen er auftritt. "Weil sein Lachen so verdammt gut aussieht," sagt sie. "Aber ich wähle ihn, weil er die richtige Politik für Italien vertritt. Und weil er ein guter Ministerpräsident wäre."

Luigi Di Maio? Ministerpräsident? Nach Emanuel Macron in Frankreich und Sebastian Kurz in Österreich ein weiterer junger Mann, der plötzlich an der Spitze eines europäischen Landes stehen könnte? Noch vor einigen Wochen hätten viele bei diesem Gedanken mit dem Kopf geschüttelt. Zu jung, zu brav, zu bescheiden, zu unerfahren, zu wenig Berlusconi. So lautete die Kurzanalyse. Lange wurde der 31-jährige Italiener für seine Ambitionen belächelt. Aber jetzt, nach der Parlamentswahl, lacht niemand mehr, außer Di Maio natürlich, der immer lacht.

Deals schloss er schon mit seinen Lehrern

Die Fünf-Sterne-Bewegung, abgekürzt M5S (Movimento5Stelle), die Partei also, die lange keine Partei sein wollte, ist stärkste Kraft geworden. Sie erzielte 32 Prozent der Stimmen. Unter den Wählerinnen und Wählern bis 44 Jahren entschieden sich sogar mehr als 40 Prozent für sie. Man muss einige Jahrzehnte zurückschauen, um etwas Vergleichbares in Italien zu finden. Seit 1983 konnte keine Partei so überzeugen. "Absoluter Wahlsieg", sagte Di Maio zum Erfolg. In seinem Wahlkreis Acerra bei Neapel gewann er mit überwältigenden 64 Prozent.

Die Regierungsarbeit wäre für die Fünf-Sterne-Bewegung und für Luigi Di Maio eine Premiere. Erst fünf Jahre sind seit den Wahlen von 2013 vergangen, als die Bewegung zum ersten Mal überhaupt bei Parlamentswahlen antrat. Ein einziges Gesicht hatte die Bewegung damals: ihren Gründer und Anführer Beppe Grillo. Dieser zog seine Zuschauer mit Wuttiraden gegen die "Politikerkaste" in ihren Bann. Auf den Massenkundgebungen gab es jedes Mal das gleiche Ritual: Hinter ihm stand eine Schar unbekannter Kandidaten, fast alle jung, fast alle in Jeans und T-Shirt. Außer einer.

Der seinerzeit erst 26-jährige Di Maio fiel schon damals durch sein Aussehen auf. Das glatte Gesicht leicht gebräunt, die schwarzen Haare kurz getrimmt, präsentierte er sich immer im gut sitzenden Anzug zu seinem Lächeln, darunter ein weißes Hemd und eine dezente Krawatte. "Der sieht ja aus wie einer von Forza Italia", wie einer aus den Reihen Silvio Berlusconis, lästerte ein Parlamentarier einer anderen Fraktion, als Di Maio nach den Wahlen als Abgeordneter ins Nationalparlament einzog.

Di Maio konnte und wollte seinen bürgerlichen Hintergrund nicht verleugnen. Heimisch im Städtchen Pomigliano D’Arco vor den Toren Neapels, Sohn eines Bauunternehmers und einer Lehrerin, wuchs er in einem stramm rechten Elternhaus auf. Sein Vater war Mitglied im faschistischen Movimento Sociale Italiano und in der Nachfolgepartei, der demokratisch gewendeten Alleanza Nazionale, die seit 1994 zum Berlusconi-Bündnis gehörte.

Mehrfach kandidierte Luigi Di Maios Vater erfolglos für den Stadtrat. Er selbst gewann schon im Gymnasium die Wahl zum Schulsprecher. Als er damals eine Demonstration für ein neues Schulgebäude organisierte, zeigte sich sein politischer Instinkt. Er schaffte es, dass auch die Lehrerinnen und Lehrer an der Demo teilnahmen. Viele Beobachter überraschte das. Was sie nicht wussten: Der Schüler Luigi Di Maio hatte vor der Protestaktion einen Deal mit ihnen geschlossen: Wenn sie an der Demo teilnehmen, werde es danach keine weiteren Schülerstreiks oder Schulbesetzungen mehr geben.