"Man kann die Türkei nicht mehr behandeln wie vor 20 Jahren"

ZEIT ONLINE: Herr Außenminister, wie schmeckte Ihnen der Tee, den Sigmar Gabriel Ihnen im Januar in Goslar servierte?

Mevlüt Çavuşoğlu: Er hätte vielleicht noch besser sein können, wenn er im Glas statt in der Tasse gewesen wäre. Aber ich mochte den Geschmack, auch wenn er nicht sehr stark war. Und die Teekanne war gut, eine türkische Teekanne. Aber es ging um mehr als den Tee, es ging um die Gastfreundschaft in seinem Haus. Ich traf seine Frau und eine seiner Töchter. In der Türkei haben wir dieselbe Tradition, wir servieren Tee und Kaffee und Essen selbst, wenn wir Gäste im Haus haben. Hier ist ein neues Kapitel in unseren Beziehungen: die Tee-Diplomatie.

ZEIT ONLINE: Was hat denn Bewegung in die erstarrten deutsch-türkischen Beziehungen gebracht?

Çavuşoğlu: Wir haben nie ein Problem mit Deutschland gehabt in der Geschichte. In jüngster Zeit gab es eine unglückliche Rhetorik. Wir haben verstanden, dass wir diesen Trend drehen mussten. Es geht nicht um einen Journalisten ...

ZEIT ONLINE: ... Sie meinen den im Februar freigelassenen Welt-Korrespondenten Deniz Yücel ...

Çavuşoğlu: Wir haben uns mit Sigmar Gabriel geeinigt, die Probleme zu überwinden. Dafür ist eine gute Atmosphäre wichtig. Wenn die neue Regierung im Amt sein wird, brauchen wir mehr gegenseitige Besuche. Mehr Engagement und Begegnung mit dem Präsidenten und dem Ministerpräsidenten.

ZEIT ONLINE: Sollte die Kanzlerin die Türkei besuchen?

Çavuşoğlu: Ja, das glaube ich, es sollten gegenseitige Besuche sein. Unser Präsident war früher öfter in Deutschland und die Kanzlerin öfter in der Türkei. Es gibt da einen Willen, und wir sind bereit, den umzusetzen. Ich bleibe realistisch, aber ich bin Optimist.

ZEIT ONLINE: Hat die Freilassung von Deniz Yücel den Bann gebrochen?

Çavuşoğlu: Nein, für uns war das Nebensache. Niemand kannte ihn in der Türkei. Er wurde erst bekannt, als er ins Gefängnis ging.

ZEIT ONLINE: Könnte Yücels Freilassung jetzt nicht Auftakt sein, um endlich auch andere verhaftete Journalisten aus dem Gefängnis zu entlassen?

Çavuşoğlu: Das hängt ganz von der Justiz ab. Wenn die Zeit kommt für den Prozess und die Anhörungen, dann werden die Gerichte ihr Urteil sprechen.

ZEIT ONLINE: Am Tag von Yücels Freilassung wurden andere renommierte Journalisten zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Ist das der neue Trend?

Çavuşoğlu: In den Anklageschriften liest man von Beteiligung am Putsch und Mitgliedschaft der FETÖ-Organisation (Bezeichnung in der Türkei für die Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen, Anmerkung der Redaktion) oder Unterstützung der PKK-Terrororganisation. Das sind sehr ernste Vorwürfe. Es sollte einen Unterschied geben zwischen Journalisten und sogenannten Journalisten.

ZEIT ONLINE: In der Türkei wurden Bürger festgenommen, die gegen den Krieg in Afrin protestierten, auch Mitglieder des türkischen Ärzteverbands. Ist Protest gegen den Krieg ein Verbrechen?

Çavuşoğlu: Nein, es kann Meinungsfreiheit sein. Aber die Sprache und die Emotionen sind wichtig dabei. Man kann Nein zum Krieg sagen. Aber wenn man die türkischen Streitkräfte beschuldigt, unschuldige Menschen zu töten, dann ist das eine andere Sache. Das ist falsch. Man kann die Soldaten nicht beschuldigen, unschuldige Menschen zu töten, wenn sie gegen Terroristen kämpfen.

"Die Sprache macht den Unterschied"

ZEIT ONLINE: Darf man fordern, die türkische Operation in Syrien zu stoppen?

Çavuşoğlu: Ja, man kann das machen und viele tun es. Wenn es nur eine Aussage über das Kriegsende ist, dann ist es Meinungsfreiheit. Die Sprache macht den Unterschied.

ZEIT ONLINE: Welches strategische Ziel hat die Operation der türkischen Streitkräfte in Syrien?

Çavuşoğlu: Das Ziel ist, die Bedrohung zu beseitigen. Die Bedrohung kam zuletzt aus der Region Afrin. Rund 700 Raketen wurden von dort in die Türkei geschossen, wir haben viele Zivilisten verloren. Einige von ihnen waren Syrer, die in der Türkei lebten, andere Türken. Wir hatten keine andere Option. Wir wollen die Bedrohung der PKK und der YPG beseitigen.

ZEIT ONLINE: Die kurdisch-syrische Miliz der YPG wird auch von den USA unterstützt. Der türkische Präsident sprach vor Wochen davon, Manbidsch anzugreifen, wo sowohl die YPG wie amerikanische Soldaten stationiert sind.

Çavuşoğlu: Ja, auch aus Manbidsch wurden wir angegriffen. Aber das hat aufgehört. Jetzt haben wir uns mit den Amerikanern verständigt, Manbidsch und Städte östlich des Euphrats zu stabilisieren. Wir haben dafür Arbeitsgruppen gebildet. Am 19. März treffe ich Außenminister Rex Tillerson. Wir hoffen, dass die USA aufhören, terroristische Organisationen zu unterstützen. Sie kontrollieren 25 Prozent des Landes, aber die meisten Städte sind überwiegend arabisch. Zum Beispiel Rakka. Wer kontrolliert die Stadt? Die YPG. Wir haben 350.000 syrische Kurden in der Türkei, weil die YPG sie vertrieben hat.

ZEIT ONLINE: Im US-Kongress diskutieren Senatoren über Sanktionen gegen die Türkei. Wie würden Sie darauf reagieren?

Çavuşoğlu: Wir würden natürlich vorziehen, dass die USA das nicht tun. Aber wenn sie die Türkei mit Sanktionen bestrafen wollen, dann würde die Türkei anders als Russland oder andere Länder reagieren. Wir würden antworten. Sie sollten uns nicht drohen. Wir sind ein Nato-Verbündeter. Die USA drohen vielen, sie sagen etwa: Kauf kein Gas von diesem oder jenem Land. So geht das nicht. Stark zu sein heißt nicht Recht zu haben.

ZEIT ONLINE: In den USA zweifeln manche an Ankara als Verbündetem. Ist die Nato-Mitgliedschaft der Türkei bedroht?

Çavuşoğlu: Wir sind ein Gründungsmitglied der Nato und haben viel zu dieser Allianz beigetragen. Wir sind aktiv in Afghanistan und anderen Ländern. Wir sind einer der Schlüsselverbündeten. Für uns ist das eine strategische Entscheidung. Niemand kann uns ausschließen, es geht technisch nicht. Da gibt es antitürkische Gefühle, aber wir lassen unsere Mitgliedschaft nicht infrage stellen. Die Nato ist unser Haus, wie kann einer kommen und sagen, das sei nicht unser Haus? Leider wissen einige westliche Länder immer noch nicht, wie man mit Ländern wie der Türkei umgeht. Man kann die Türkei heute nicht mehr behandeln wie vor 20 Jahren. Die türkische Nation lehnt das ab. Die USA und die EU sollen begreifen, dass die Türkei ein gleichberechtigter Partner auf Augenhöhe ist.

"Wenn wir nichts von unseren Alliierten bekommen, müssen wir woanders kaufen"

ZEIT ONLINE: Warum hat die Türkei dann S-400-Luftabwehrraketen von Russland gekauft, die nicht kompatibel mit Nato-Systemen sind?

Çavuşoğlu: Wir brauchten das dringend, weil wir kein Luftabwehrsystem hatten. Wir hatten in den USA sogar das Problem, einfache Gewehre zu kaufen wegen Bedenken im US-Kongress. Wir mussten von irgendjemandem kaufen. Wenn die US-Regierung garantieren kann, dass der Kongress es zulässt, werden wir ihre Patriot-Systeme kaufen.

ZEIT ONLINE: Und dann würden Sie keine russischen Luftabwehr-Raketen aufstellen?

Çavuşoğlu: Nein, wir haben das Abkommen bereits geschlossen. Aber in der Zukunft werden wir weiter kaufen. Wir hoffen auf gemeinsame Investitionen und Technologietransfer im Rüstungssektor. Deshalb haben wir einen Vorvertrag mit dem italienisch-französischen Konsortium Eurosam über Langstrecken-Luftabwehrraketen geschlossen. Wir würden ja auch von den Deutschen kaufen, wegen der Qualität. Aber wenn wir nichts von unseren Alliierten bekommen, müssen wir es woanders kaufen.

ZEIT ONLINE: Vor Kurzem sind griechische Soldaten auf türkisches Territorium geraten und verhaftet worden. Wann können sie nach Griechenland zurück?

Çavuşoğlu: Ich weiß nicht, sie sind illegal über die Grenze gekommen. Das liegt bei den Ermittlern und Gerichten, die müssen nun herausfinden, was möglicherweise dahintersteckt. War es ein Fehler oder Absicht? Sie wollen sicher sein.

ZEIT ONLINE: Wollen Sie sie austauschen gegen die Helikopterpiloten, die nach dem Putsch vom 15. Juli 2016 um Asyl in Griechenland nachgesucht haben?

Çavuşoğlu: Nein, so einen Deal wollen wir nicht. Schließlich haben wir die griechischen Soldaten nicht in Griechenland verhaftet, sondern auf türkischem Boden. Wir haben die Auslieferung der Piloten lange vorher offiziell in Griechenland beantragt.

ZEIT ONLINE: In Syrien steht Russland aufseiten des Regimes, bombardiert Zivilisten in Ghouta und Idlib. Sie stützen die Opposition. Ist Moskau für Sie Verbündeter oder Gegner?

Çavuşoğlu: Was in Ghouta oder in Idlib passiert, verstößt gegen unsere Prinzipien und gegen die Abkommen von Astana und Sotschi. Wir haben mit Russland nun anderthalb Jahre lang Fortschritte gemacht: bei Waffenstillständen, Deeskalationszonen, um eine politische Lösung zu finden. Deshalb erwarten wir von Russland und dem Iran, die Verstöße gegen diese Übereinkünfte zu stoppen. Was in Ghouta passiert, ist ein Verbrechen. Viele Zivilisten wurden getötet, sie benutzen Gas. Das sind die Kriegsverbrechen des syrischen Regimes. Es läuft eine Untersuchung darüber, welche chemischen Waffen sie eingesetzt haben.

ZEIT ONLINE: Die jüngste UN-Resolution 2401 fordert alle Kriegsparteien auf, die Feindseligkeiten zu beenden. Wann machen Sie das?

Çavuşoğlu: Die Resolution hat nichts zu tun mit Afrin, das auch nicht genannt wird. Ghouta wird erwähnt, Idlib auch. Es geht um den Kampf zwischen dem Regime und der Opposition, nicht um den Kampf gegen terroristische Organisationen. Terroristen sind ausgenommen. Die PKK ist als Terrororganisation anerkannt, und ob sie nun PKK oder YPG heißt, ist egal, weil sie dieselbe Organisation sind. Unsere Operation zielt gegen eine terroristische Organisation. Deshalb müssen wir sie beseitigen.

ZEIT ONLINE: Die kurdischen Organisationen werfen der Türkei viele Menschenrechtsverstöße vor.

Çavuşoğlu: Wir achten mehr auf Zivilisten als alle anderen Länder. Deshalb haben wir 3,7 Millionen Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak aufgenommen, deshalb arbeiten türkische Hilfsorganisationen, Ärzte und Krankenschwestern in Syrien, deshalb haben wir Aufnahmelager gebaut in den Regionen, die wir von Terroristen befreit haben, deshalb arbeiten wir mit internationalen Organisationen zusammen, deshalb sind 100.000 Syrer von der Türkei in die befreiten Gebiete zurückgegangen und mehr als 150.000 Flüchtlinge aus anderen Regionen Syriens dorthin gekommen. Weil wir sie versorgen. Kein anderes Land ist so vorsichtig wie die Türkei im Kampf gegen den Terrorismus.

ZEIT ONLINE: Wann ist der Feldzug beendet?

Çavuşoğlu: Der schwere Teil der Operation ist vorüber, weil wir Berge und Hügel vor uns hatten. Jetzt wenden wir uns der Stadt Afrin zu. Dort haben wir eine andere Strategie mit anderen Kräften, die sich im Kampf gegen Terroristen in Städten auskennen. Sie haben ihre Erfahrung in Städten wie Diyarbakır in der Türkei gesammelt. Sie haben diese Städte von PKK-Terroristen gesäubert. In Syrien sind viele Menschen glücklich, dass wir gekommen sind. Sie fühlen sich jetzt sicher.