ZEIT ONLINE: Darf man fordern, die türkische Operation in Syrien zu stoppen?

Çavuşoğlu: Ja, man kann das machen und viele tun es. Wenn es nur eine Aussage über das Kriegsende ist, dann ist es Meinungsfreiheit. Die Sprache macht den Unterschied.

ZEIT ONLINE: Welches strategische Ziel hat die Operation der türkischen Streitkräfte in Syrien?

Çavuşoğlu: Das Ziel ist, die Bedrohung zu beseitigen. Die Bedrohung kam zuletzt aus der Region Afrin. Rund 700 Raketen wurden von dort in die Türkei geschossen, wir haben viele Zivilisten verloren. Einige von ihnen waren Syrer, die in der Türkei lebten, andere Türken. Wir hatten keine andere Option. Wir wollen die Bedrohung der PKK und der YPG beseitigen.

ZEIT ONLINE: Die kurdisch-syrische Miliz der YPG wird auch von den USA unterstützt. Der türkische Präsident sprach vor Wochen davon, Manbidsch anzugreifen, wo sowohl die YPG wie amerikanische Soldaten stationiert sind.

Çavuşoğlu: Ja, auch aus Manbidsch wurden wir angegriffen. Aber das hat aufgehört. Jetzt haben wir uns mit den Amerikanern verständigt, Manbidsch und Städte östlich des Euphrats zu stabilisieren. Wir haben dafür Arbeitsgruppen gebildet. Am 19. März treffe ich Außenminister Rex Tillerson. Wir hoffen, dass die USA aufhören, terroristische Organisationen zu unterstützen. Sie kontrollieren 25 Prozent des Landes, aber die meisten Städte sind überwiegend arabisch. Zum Beispiel Rakka. Wer kontrolliert die Stadt? Die YPG. Wir haben 350.000 syrische Kurden in der Türkei, weil die YPG sie vertrieben hat.

ZEIT ONLINE: Im US-Kongress diskutieren Senatoren über Sanktionen gegen die Türkei. Wie würden Sie darauf reagieren?

Çavuşoğlu: Wir würden natürlich vorziehen, dass die USA das nicht tun. Aber wenn sie die Türkei mit Sanktionen bestrafen wollen, dann würde die Türkei anders als Russland oder andere Länder reagieren. Wir würden antworten. Sie sollten uns nicht drohen. Wir sind ein Nato-Verbündeter. Die USA drohen vielen, sie sagen etwa: Kauf kein Gas von diesem oder jenem Land. So geht das nicht. Stark zu sein heißt nicht Recht zu haben.

ZEIT ONLINE: In den USA zweifeln manche an Ankara als Verbündetem. Ist die Nato-Mitgliedschaft der Türkei bedroht?

Çavuşoğlu: Wir sind ein Gründungsmitglied der Nato und haben viel zu dieser Allianz beigetragen. Wir sind aktiv in Afghanistan und anderen Ländern. Wir sind einer der Schlüsselverbündeten. Für uns ist das eine strategische Entscheidung. Niemand kann uns ausschließen, es geht technisch nicht. Da gibt es antitürkische Gefühle, aber wir lassen unsere Mitgliedschaft nicht infrage stellen. Die Nato ist unser Haus, wie kann einer kommen und sagen, das sei nicht unser Haus? Leider wissen einige westliche Länder immer noch nicht, wie man mit Ländern wie der Türkei umgeht. Man kann die Türkei heute nicht mehr behandeln wie vor 20 Jahren. Die türkische Nation lehnt das ab. Die USA und die EU sollen begreifen, dass die Türkei ein gleichberechtigter Partner auf Augenhöhe ist.