ZEIT ONLINE: Warum hat die Türkei dann S-400-Luftabwehrraketen von Russland gekauft, die nicht kompatibel mit Nato-Systemen sind?

Çavuşoğlu: Wir brauchten das dringend, weil wir kein Luftabwehrsystem hatten. Wir hatten in den USA sogar das Problem, einfache Gewehre zu kaufen wegen Bedenken im US-Kongress. Wir mussten von irgendjemandem kaufen. Wenn die US-Regierung garantieren kann, dass der Kongress es zulässt, werden wir ihre Patriot-Systeme kaufen.

ZEIT ONLINE: Und dann würden Sie keine russischen Luftabwehr-Raketen aufstellen?

Çavuşoğlu: Nein, wir haben das Abkommen bereits geschlossen. Aber in der Zukunft werden wir weiter kaufen. Wir hoffen auf gemeinsame Investitionen und Technologietransfer im Rüstungssektor. Deshalb haben wir einen Vorvertrag mit dem italienisch-französischen Konsortium Eurosam über Langstrecken-Luftabwehrraketen geschlossen. Wir würden ja auch von den Deutschen kaufen, wegen der Qualität. Aber wenn wir nichts von unseren Alliierten bekommen, müssen wir es woanders kaufen.

ZEIT ONLINE: Vor Kurzem sind griechische Soldaten auf türkisches Territorium geraten und verhaftet worden. Wann können sie nach Griechenland zurück?

Çavuşoğlu: Ich weiß nicht, sie sind illegal über die Grenze gekommen. Das liegt bei den Ermittlern und Gerichten, die müssen nun herausfinden, was möglicherweise dahintersteckt. War es ein Fehler oder Absicht? Sie wollen sicher sein.

ZEIT ONLINE: Wollen Sie sie austauschen gegen die Helikopterpiloten, die nach dem Putsch vom 15. Juli 2016 um Asyl in Griechenland nachgesucht haben?

Çavuşoğlu: Nein, so einen Deal wollen wir nicht. Schließlich haben wir die griechischen Soldaten nicht in Griechenland verhaftet, sondern auf türkischem Boden. Wir haben die Auslieferung der Piloten lange vorher offiziell in Griechenland beantragt.

ZEIT ONLINE: In Syrien steht Russland aufseiten des Regimes, bombardiert Zivilisten in Ghouta und Idlib. Sie stützen die Opposition. Ist Moskau für Sie Verbündeter oder Gegner?

Çavuşoğlu: Was in Ghouta oder in Idlib passiert, verstößt gegen unsere Prinzipien und gegen die Abkommen von Astana und Sotschi. Wir haben mit Russland nun anderthalb Jahre lang Fortschritte gemacht: bei Waffenstillständen, Deeskalationszonen, um eine politische Lösung zu finden. Deshalb erwarten wir von Russland und dem Iran, die Verstöße gegen diese Übereinkünfte zu stoppen. Was in Ghouta passiert, ist ein Verbrechen. Viele Zivilisten wurden getötet, sie benutzen Gas. Das sind die Kriegsverbrechen des syrischen Regimes. Es läuft eine Untersuchung darüber, welche chemischen Waffen sie eingesetzt haben.

ZEIT ONLINE: Die jüngste UN-Resolution 2401 fordert alle Kriegsparteien auf, die Feindseligkeiten zu beenden. Wann machen Sie das?

Çavuşoğlu: Die Resolution hat nichts zu tun mit Afrin, das auch nicht genannt wird. Ghouta wird erwähnt, Idlib auch. Es geht um den Kampf zwischen dem Regime und der Opposition, nicht um den Kampf gegen terroristische Organisationen. Terroristen sind ausgenommen. Die PKK ist als Terrororganisation anerkannt, und ob sie nun PKK oder YPG heißt, ist egal, weil sie dieselbe Organisation sind. Unsere Operation zielt gegen eine terroristische Organisation. Deshalb müssen wir sie beseitigen.

ZEIT ONLINE: Die kurdischen Organisationen werfen der Türkei viele Menschenrechtsverstöße vor.

Çavuşoğlu: Wir achten mehr auf Zivilisten als alle anderen Länder. Deshalb haben wir 3,7 Millionen Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak aufgenommen, deshalb arbeiten türkische Hilfsorganisationen, Ärzte und Krankenschwestern in Syrien, deshalb haben wir Aufnahmelager gebaut in den Regionen, die wir von Terroristen befreit haben, deshalb arbeiten wir mit internationalen Organisationen zusammen, deshalb sind 100.000 Syrer von der Türkei in die befreiten Gebiete zurückgegangen und mehr als 150.000 Flüchtlinge aus anderen Regionen Syriens dorthin gekommen. Weil wir sie versorgen. Kein anderes Land ist so vorsichtig wie die Türkei im Kampf gegen den Terrorismus.

ZEIT ONLINE: Wann ist der Feldzug beendet?

Çavuşoğlu: Der schwere Teil der Operation ist vorüber, weil wir Berge und Hügel vor uns hatten. Jetzt wenden wir uns der Stadt Afrin zu. Dort haben wir eine andere Strategie mit anderen Kräften, die sich im Kampf gegen Terroristen in Städten auskennen. Sie haben ihre Erfahrung in Städten wie Diyarbakır in der Türkei gesammelt. Sie haben diese Städte von PKK-Terroristen gesäubert. In Syrien sind viele Menschen glücklich, dass wir gekommen sind. Sie fühlen sich jetzt sicher.