Wenn sich als wahr herausstellt, was man Nicolas Sarkozy vorwirft, es wäre der seit Jahrzehnten größte Skandal in der französischen Politik. Der ehemalige Präsident Sarkozy soll, als er noch Innenminister unter Jacques Chirac war, mindestens 50 Millionen Euro Bargeld von Libyens Diktator Muammar al-Gaddafi angenommen und diesem im Gegenzug militärische Ehren in Paris und gute Geschäfte mit Frankreich versprochen haben. Das Geld habe Sarkozy im Wahlkampf genutzt. Mit seiner Hilfe sei er Präsident geworden.

Die Geschichte ist nicht ganz neu, aber offenbar verdichten sich die Indizien, die gegen Sarkozy sprechen, denn seit Dienstagmorgen wird der Ex-Präsident zum ersten Mal in der Affäre von Pariser Korruptionsermittlern vernommen. Dafür kam er sogar in Polizeigewahrsam.

Die unabhängige Onlinezeitung Mediapart, die in den vergangenen Jahren immer wieder politische Skandale aufgedeckt hat, berichtete schon vor Jahren über die angeblich mafiöse Geldübergabe an Sarkozy. Zahlreiche Zeugen ließen ihre Aussagen von den Mediapart-Journalisten filmen. Die Affäre begann 2005, als der damalige französische Innenminister Sarkozy Libyen besuchte und dort einige Stunden mit Gaddafi in dessen Beduinenzelt verbrachte. Mit dabei waren nur zwei Übersetzer. Der Übersetzer Gaddafis hat gegenüber der französischen Justiz schon erklärt, dass damals eine millionenschwere Wahlkampfhilfe für Sarkozy vereinbart worden sei. Die französische Übersetzerin bestätigt das Treffen. Zu dem, was besprochen wurde, sagt sie aber nichts.  

Millionenschwere Geldkoffer

Wenige Wochen nach dem Treffen in Libyen reiste dann der Mittelsmann Ziad Takieddine mit einem Koffer voller Geld nach Paris. Unbehelligt – weil, so lautet seine Videoaussage, alle französischen Sicherheitskräfte über seine Mission Bescheid wussten – gelangt er vom Flughafen ins Innenministerium und gibt dort die Millionen ab. So erzählt er es heute.   

Unzählige Nebenfiguren sind inzwischen angeklagt, zum Beispiel der frühere Innenminister von Sarkozy, Claude Guéant, der der Geldwäsche und Urkundenfälschung bezichtigt wird. Guéant soll während Sarkozys Wahlkampf viele Millionen Euro Bargeld in Umlauf gebracht und sich nebenher eine schicke Pariser Wohnung gekauft haben, die er bar bezahlte. Den Pariser Ermittlern zufolge hat Guéant zwischen 2003 und 2012 insgesamt nur 800 Euro von seinem Konto abgehoben – was darüber hinausging, bezahlte er stets in bar. Außerdem hatte Guéant zur Wahlkampfzeit einen mannshohen Safe in einer Pariser Bank angemietet. Er sagte aus, er habe darin Redemanuskripte von Sarkozy aufbewahrt; doch die Ermittler scheinen dem wenig Glauben zu schenken: Laut einer ersten Ermittlungsbilanz habe der Safe sehr wohl Geldnoten enthalten – und die Organisatoren von Sarkozys Kampagne seien mit Bargeld "überflutet" worden.

Laut der Zeitung Le Monde hat die oberste Pariser Korruptionsbehörde zahlreiche Zeugen für ein System der schwarzen Kassen, das während des Wahlkampfs von Sarkozy genutzt worden sei. Der Konservative galt 2006 als aussichtsreicher Kandidat der Republikaner. Aber seine Gegenspielerin von den Sozialisten, Ségolène Royal, stieg in den Umfragen und machte einen guten Wahlkampf. Sarkozy brauchte Geld für seine Kampagne. Und Gaddafi wollte nach Jahren der politischen und wirtschaftlichen Ächtung wieder zurück in den internationalen Handel. Sarkozy empfing ihn als erster westlicher Politiker mit allen militärischen Ehren; er erlaubte Gaddafi sogar, sein Beduinenzelt in der Nähe des Pariser Élysée-Palasts aufzubauen. 

"Suspekter" Tod eines Zeugen

Doch seit der Arabischen Revolution ist Gaddafis Regime Geschichte und immer mehr der damaligen Protagonisten reden mit den französischen Ermittlern. Inzwischen ist auch ein Dokument mit libyschem Wappen von zwei Gerichten als authentisch eingestuft worden: Es ist ein Brief des damaligen Geheimdienstchefs an den Hüter eines staatlichen libyschen Fonds. In ihm steht schwarz auf weiß nachzulesen, es gebe ein Übereinkommen zwischen den beiden Ländern, dem zufolge Tripolis 50 Millionen Euro nach Frankreich senden solle. Sarkozy hat das Dokument als plumpe Fälschung bezeichnet und Mediapart für seine Veröffentlichung angezeigt. Doch in den Gerichtsverfahren kamen Gutachter zum Schluss, das Papier sei authentisch. 

Sarkozy aber hat sich mit seiner Klage gegen Mediapart selbst geschadet, denn die französischen Behörden suchten den Empfänger des Dokuments, den Chef des Geldfonds, Béchir Saleh – und fanden ihn in Frankreich selbst. Saleh war zuvor nach Frankreich geflohen und unter Sarkozy wurde ihm Asyl gewährt, obwohl er international gesucht wurde. Als die Ermittlungen begannen, soll Saleh, wiederum mithilfe von Sarkozys Innenministerium, nach Südafrika geflohen sein, wo er laut Mediapart im Februar diesen Jahres nur schwer verletzt ein Attentat überlebte, kurz bevor er sich den französischen Behörden als Zeuge zur Verfügung stellen wollte. 

Ein zweiter Mann könnte für die Affäre gar mit seinem Leben bezahlt haben: Der ehemalige libysche Premierminister Choukri Ghanam hatte in seinen Tagebüchern akribisch festgehalten, wann und wie mehrere Millionen Euro an Sarkozy übermittelt worden seien. Ghanam schlug sich während der Revolte gegen Gaddafi im Sommer 2011 auf die Seite des aufbegehrenden Volkes und setzte sich nach Österreich ins Exil ab. Einen Tag nachdem der Brief an den Geldfonds in französischen Medien veröffentlicht wurde, wurde er tot in der Donau gefunden. Die österreichische Polizei schloss auf einen Unfall, die amerikanischen Geheimdienste hingegen sprachen von einem "höchst suspekten" Todesfall. Nachzulesen ist das in den E-Mails von Hillary Clinton, damalige US-Außenministerin, bei WikiLeaks.

Dass Sarkozy nun in Polizeigewahrsam musste, steht also am Ende einer sehr langen Beweisaufnahme. Bislang ist noch nicht bekannt geworden, ob der Ex-Präsident an seiner Version festhält und weiterhin illegale Geschäfte bestreitet. Aber offenbar haben die französischen Ermittler inzwischen umfangreiche libysche Dokumente und Zeugenaussagen erhalten. Gaddafi aber ist tot – und interessanterweise war Sarkozy vor Jahren der Erste, der das Ziel ausgab, mit militärischen Mitteln das Regime zu stürzen, dessen obersten Machthaber er zuvor mit so vielen Ehren empfangen hatte. Manche französische Medien mutmaßen nun, Sarkozy habe ihn als unliebsamen Zeugen loswerden wollen.

In Frankreich ist Sarkozy trotz alledem immer noch ein beliebter Politiker, zumindest in seiner eigenen konservativen Partei der Republikaner. Während der frühere Präsident, ihr ehemaliger Vorsitzender, verhört wurde, versandten sie eine Pressemitteilung, in der sie ihm ihre volle Unterstützung zusicherten.