Experten der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) wollen das beim Attentat auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal verwendete Gift untersuchen. Hierzu kommen Vertreterinnen und Vertreter der OPCW nach Großbritannien, um Proben zu nehmen. Diese werden anschließend in internationalen Laboren untersucht, was nach Angaben des britischen Außenministeriums mindestens zwei Wochen dauern dürfte.

Skripal und seine Tochter Julija sind am 4. März bewusstlos auf einer Parkbank im südenglischen Salisbury aufgefunden worden und befinden sich seitdem in einem kritischen Zustand. Laut britischen Ermittlern wurden sie mit dem Nervengift Nowitschok vergiftet, das in der früheren Sowjetunion hergestellt wurde. Die britische Regierung beschuldigt deshalb Russland, den Anschlag selbst in Auftrag gegeben oder aber zugelassen zu haben, dass es in fremde Hände geraten konnte.

Britische Regierung erwägt weitere Sanktionen gegen Russland

Der britische Außenminister Boris Johnson sagte im Gespräch mit dem BBC, es gebe Beweise dafür, dass Russland auch in den vergangenen zehn Jahren das Nervengift Nowitschok hergestellt und gelagert habe sowie die Überbringung von Nervenkampfstoffen zum Zweck von Mordanschlägen geprüft habe. Dies sei laut Johnson ein "Bruch der Chemiewaffenkonvention". Mehr als 20 Länder hätten Großbritannien schon ihre Solidarität zugesagt, sagte Johnson. Dazu gehören auch Deutschland, die USA und Frankreich.

Johnson sagte, er werde die EU-Außenminister am Montag über den Fall informieren und anschließend Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg treffen. Zudem erwäge seine Regierung weitere Sanktionen gegen Russland. Darüber werde diese Woche der nationale Sicherheitsrat beraten. Johnson sagte, dass Menschen, die durch Korruption und Verbindungen zum russischen Präsidenten Wladimir Putin zu Reichtum gekommen seien, unter Androhung der Beschlagnahmung von Eigentum "den Ursprung ihres Eigentums in Großbritanniens erklären" müssten.

Nato denkt über neuen Umgang mit Russland nach

Auch die Nato denkt nach dem Attentat auf Skripal über einen neuen Umgang mit Russland nach. Der Anschlag im englischen Salisbury zeige, dass das Land immer unberechenbarer und aggressiver werde, sagte Nato-Generalsekretär Stoltenberg der Welt am Sonntag. Die Nato habe Großbritannien ihre volle Solidarität und Unterstützung bei der Aufklärung des Anschlags zugesichert, sagte Stoltenberg weiter. Zudem werde erforscht, wie man sich besser gegen chemische Angriffe schützen könne. 

Russischer Botschafter vermutet britisches Labor hinter Anschlag

Russland weist die britischen Anschuldigungen indes von sich und bestreitet die Herstellung des Nervengifts Nowitschok. Der Fall Skripal hat in den vergangenen Tagen zu einer schweren diplomatischen Krise zwischen Russland und Großbritannien geführt. So wiesen beide Länder gegenseitig Diplomaten aus. der russische Botschafter in London, Alexander Jakowenko, sagte der Zeitung Mail on Sunday, der Streit eskaliere gefährlich und unverhältnismäßig.

Der russische EU-Botschafter Wladimir Tschischow sagte in der BBC, Russland habe keine Bestände an Chemiewaffen und stecke auch nicht hinter dem Angriff auf die Skripals. Tschischow verwies darauf, dass das verwendete Nervengift aus einem britischen Labor stammen könnte. So liege die britische Chemiewaffenforschungseinrichtung Porton Down nur 13 Kilometer vom Tatort Salisbury entfernt. Der Botschafter wies der Einrichtung zwar nicht die direkte Verantwortung für die Tat zu, antwortete aber auf die Frage, ob Porton Down für den Angriff verantwortlich sei: "Ich weiß es nicht."

Auch die Sprecherin des russischen Außenministeriums sagte im Fernsehsender Rossija 24, dass das Gift sehr wahrscheinlich aus Großbritannien selbst oder aus Tschechien, der Slowakei, Schweden oder den USA komme. Schweden und Tschechien wiesen die Darstellung umgehend zurück. Die britische Regierung bezeichnete die Andeutung als "Unsinn".