Seit Wochen fordern Hilfsorganisationen Zugang zu Ostghuta, am Montag gestattete das Regime erstmals seit langer Zeit einem Konvoi die Fahrt in das zehn Kilometer von Damaskus entfernte Douma. Hilfsgüter werden in der belagerten Region dringend benötigt. Die jüngste Resolution des UN-Sicherheitsrates vom 24. Februar, die eine 30-tägige Waffenruhe für ganz Syrien vorsieht, zeigt keine Wirkung. Eine temporäre Waffenruhe für die schwer umkämpfte Region Ostghuta – täglich eine fünfstündige Feuerpause – wurde in der vergangenen Woche immer wieder gebrochen. Zudem rückt die syrische Armee in Ostghuta an mehreren Fronten gleichzeitig vor. Sie will die Region teilen und die wichtigste Stadt Douma von den umliegenden landwirtschaftlichen Flächen abschneiden. Hunderte Familien fliehen vor den anrückenden Soldaten von den Außenbezirken ins Zentrum der Provinz. Nach Angaben von Aktivisten wurden in den vergangenen zwei Wochen mehr als 700 Menschen durch das Bombardement der syrischen und russischen Luftwaffe getötet, mehr als 3.600 verletzt.

ZEIT ONLINE: Frau Sedky, erstmals seit Wochen ist am Montag ein Hilfskonvoi nach Ostghuta gelangt. Wie verlief die Fahrt?

Ingy Sedky: Wir konnten 46 Laster mit Nahrungsmitteln und Arzneimitteln nach Douma bringen. Es war ein Gemeinschaftskonvoi mit Hilfsgütern der Vereinten Nationen, des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz und dem Syrischen Arabischen Roten Halbmond.

Die Wagen wurden in Damaskus beladen, denn dort haben wir unsere Lagerhallen. Ostghuta liegt nur zehn Kilometer von der Innenstadt von Damaskus entfernt. Die Autofahrt dauert normalerweise 15 Minuten. Aber Ostghuta ist belagert, es gibt eine Art Begrenzung um die Region. Um reinzukommen, müssen wir diverse Checkpoints passieren. Es dauert lange, bis alle Hilfsgüter abgeladen sind. Wir bringen die Lieferungen nur zu den Lagerhäusern der Kollegen vom Syrischen Roten Halbmond und direkt in die Krankenhäuser. Die Verteilung etwa von Essenspaketen übernehmen die Kollegen in Douma. Unser Team ist um 9.30 Uhr in Damaskus gestartet und war gegen Mitternacht zurück. Das zeigt, wie langwierig eine solche Fahrt ist.

ZEIT ONLINE: Ihre Kollegen mussten die Mission vorzeitig beenden und konnten nicht alle Hilfsgüter abladen. Was ist passiert?

Sedky: Unsere Kollegen waren in Douma gerade dabei, die Hilfslieferungen auszuladen, als die Bombardierung eskalierte. Die wiederholten Attacken aus der Luft machten es unmöglich, alle Lkw bis zum Ende auszuladen. Unsere Mitarbeiter mussten die Aktion abbrechen, um ihre eigene Sicherheit zu gewährleisten und Menschen, die bei den Hilfskonvois waren, zu schützen.

ZEIT ONLINE: Seit fast fünf Jahren wird Ostghuta vom syrischen Regime belagert. Mitte Februar hat Assad mit russischer Unterstützung eine Offensive zur Rückeroberung der Region gestartet. Was haben Ihre Mitarbeiter in Douma gesehen?

Sedky: Meine Kollegen haben mir von katastrophalen Zuständen berichtet. Die Menschen sind verzweifelt und wütend. Sie harren oft tagelang in Verstecken unter der Erde aus, ohne Nahrung und Trinkwasser. Teilweise sitzen bis zu 60 Familien aneinandergepresst in einem Raum unter der Erde. Eine Mutter erzählte uns, dass sie mit ihren Kindern 15 Tage in einem Keller unter der Erde verbracht habe, ohne zwischendrin auch nur einmal Tageslicht zu sehen. Das Rote Kreuz hatte zuletzt Mitte November einen Hilfskonvoi in Ghuta. Schon da war die Situation der Menschen äußerst kritisch. Aber jetzt fehlen uns die Worte, um das Grauen zu beschreiben.

ZEIT ONLINE: Trotz der Waffenruhe gehen die Bombardierungen weiter. Wie können sich die Menschen noch Essen besorgen?

Sedky: Um etwas von den ohnehin kaum noch vorhandenen Nahrungsmitteln aufzutreiben, müssen die Menschen aus ihren Verstecken rauskommen. Sie riskieren dabei jedes Mal, von den Bomben getroffen zu werden. Aus den Häusern zu gehen und im Viertel herumzulaufen ist lebensgefährlich. Die Kliniken und medizinischen Einrichtungen in Ghuta sind völlig überlastet mit der hohen Zahl an Verwundeten. Die Einrichtungen sind wegen der Bombardierungen teilweise schwer beschädigt. Zudem haben die Ärzte kaum noch Medikamente und Ausstattung, um die Verletzten zu versorgen.

Im Dezember konnten wir 29 Menschen aus Ostghuta rausholen, sie werden derzeit in einem Krankenhaus in Damaskus behandelt. Aber eine solche Evakuierung löst das Problem für die anderen Bedürftigen nicht. Es gibt sehr viele Menschen, die dringend in Krankenhäusern versorgt werden müssten. Zivilisten, die chronische Krankheiten wie Diabetes oder Krebs haben, brauchen Zugang zu Medikamenten und einer dauerhaften Behandlung. Deswegen ist es zentral, dass wir Medikamente und medizinisches Equipment in die Dörfer und Städte bringen können, damit den Menschen geholfen werden kann.

ZEIT ONLINE: Der Konvoi konnte Lebensmittel und medizinische Hilfsgüter für etwa 27.000 Menschen liefern. In Ostghuta leben aber fast 400.000 Menschen. Kann das überhaupt etwas bewirken?

Sedky: Wir müssen uns zunächst auf die Zivilisten konzentrieren, die am dringendsten Hilfe benötigen. Es stimmt, dass die Menge an Gütern, die wir nach Douma bringen konnten, bei Weitem nicht genug ist für die vielen Menschen, die Hilfe brauchen. Es würden selbst drei oder vier Konvois nicht ausreichen, um die Menschen angemessen zu versorgen. Wir brauchen dringend regelmäßigen Zugang zu Ostghuta, um den Zivilisten wirklich helfen zu können.

ZEIT ONLINE: Was haben die Menschen in Douma gesagt?

Sedky: Die Syrer sind zutiefst enttäuscht. Sie fühlen sich von der Welt im Stich gelassen. Sie sind gefangen in einem Konflikt, mit dem sie nichts zu tun haben. Sie haben ihre Häuser verloren, ihre Kinder, ihre Familienmitglieder. Niemand kann sich vorstellen, was es bedeutet, über Wochen in einem Versteck unter der Erde zu leben, ohne Zugang zu den grundlegendsten Dingen.