Victoria Tauli-Corpuz ist die Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen für die Rechte indigener Völker. Die Philippinerin gehört dem Volk der Kankana-ey-Igorot an und setzt sich sich seit Jahren für die Rechte von Frauen und Indigenen weltweit ein. Sie ist Gründerin und Direktorin der Tebtebba Foundation, einem internationalen Zentrum indigener Bevölkerungsgruppen für Politikforschung und Bildung. Anfang März wurde bekannt, dass die philippinische Regierung unter Präsident Rodrigo Duterte sie gerichtlich zur Terroristin erklären lassen möchte. Das Interview fand am Telefon statt.

ZEIT ONLINE: Frau Tauli-Corpuz, Ihr Name befindet sich auf einer Liste, die von der philippinischen Regierung vor einem Gericht in Manila eingereicht wurde, um sie und andere zu Terroristen erklären zu lassen. Machen Sie sich Sorgen um Ihre Sicherheit?

Victoria Tauli-Corpuz: Selbstverständlich. Die Liste ähnelt den sogenannten Drogenlisten, die sich die Regierung hat einfallen lassen. Das sind Listen mit Namen von angeblichen Dealern oder Personen, die anderweitig gegen Antidrogengesetze verstoßen haben sollen. Durch solche Listen sind Menschen zum Ziel geworden, die von der Regierung als Staatsfeinde angesehen werden. Die Listen sind wie Kampfbefehle: Personen, deren Namen auf den Drogenlisten standen, waren später unter den Opfern außergerichtlicher Tötungen.

Wer jetzt auf der Liste angeblicher Terroristen steht, könnte ebenfalls umgebracht oder verhaftet werden. Anhänger des Präsidenten könnten auch mich herausgreifen und versuchen, mich unter falschen Anschuldigungen zu verhaften oder mich umzubringen. Das ist eine reelle Gefahr.  

ZEIT ONLINE: Was tun Sie, um sich zu schützen?

Tauli-Corpuz: Man riet mir, das Land zu verlassen. Glücklicherweise musste ich ohnehin beruflich nach Genf zu den Vereinten Nationen, wo ich an einem Workshop teilnehme: darüber, dass indigene Völker, die ihre Rechte verteidigen, so oft kriminalisiert und angegriffen werden – und was wir tun können, um das zu verhindern und sie zu schützen. Hier bin ich also im Moment.

Unglücklicherweise leben wir nicht in einer Welt, in der die Regierungen sich immer an die Regeln halten.

ZEIT ONLINE: Wird Ihre Arbeit durch die Terrorliste erschwert?

Tauli-Corpuz: Derzeit nicht, zumindest nicht direkt. Mein Mandat ist es, Menschenrechtsverstöße gegen indigene Völker überall auf der Welt zu beobachten und Mittel dagegen zu identifizieren. Als eine Sonderberichterstatterin der UN genieße ich Immunität gegen juristische Beschuldigungen, Anklagen und Festnahmen. Das ist in der Konvention über Privilegien und Immunitäten der Vereinten Nationen aus dem Jahr 1946 festgelegt, die Philippinen haben diese Übereinkunft im Folgejahr ratifiziert. Theoretisch sollte diese Liste also meine Arbeit überhaupt nicht beeinflussen. Nur leben wir unglücklicherweise nicht in einer Welt, in der die Regierungen sich immer an die Regeln der von ihnen ratifizierten internationalen und Völkerrechtsverträge halten.

ZEIT ONLINE: Auf der Liste standen auch Priester und andere Menschenrechtsaktivisten, die nicht so viel reisen. Was ist mit ihnen?

Tauli-Corpuz: Für die, die im Land sind, ist das Risiko größer. Manche beraten  mit Anwälten, was sie tun müssen, um sich vor willkürlichen Festnahmen und außergerichtlichen Tötungen zu schützen. Sie müssen dem einen Teil ihrer Zeit widmen und das lenkt sie von ihrer eigentlichen Arbeit als Menschenrechtsverteidiger ab. Es wäre deshalb wichtig, dass sich die ganze Welt  der Kampagne anschließt, die die Regierung aufruft, diese Liste loszuwerden. 

ZEIT ONLINE: Das philippinische Justizministerium hat erklärt, Ihr Name sei auf der Liste gelandet, weil sie Mitglied der Kommunistischen Partei der Philippinen (CPP) und ihres bewaffneten Arms, der Neuen Volksarmee (NPA), seien.

Tauli-Corpuz: Ich weise diese falschen Anschuldigungen zurück. Ich bin weder Mitglied der CPP noch der NPA und war das auch nie. Ich bin in keiner Weise mit ihnen verbunden. Und ich war nie an den Vorkommnissen beteiligt, die im Antrag der Regierung und dem 340 Seiten langen Anhang erwähnt werden.  

ZEIT ONLINE: Wie sind Sie dann auf diese Liste geraten?

Tauli-Corpuz: Es ist eine Vergeltungsmaßnahme für ein Statement, das ich im vergangenen Dezember gemeinsam mit Cecilia Jímenez-Damary abgegeben habe, der UN-Sonderberichterstatterin für die Rechte von Binnenflüchtlingen. Wir beschäftigten uns damals mit der Lage der indigenen Lumad auf Mindanao und haben unserer Sorge über die massiven und potenziell irreversiblen Menschenrechtsverletzungen dort Ausdruck verliehen.

ZEIT ONLINE: Welche Menschenrechtsverletzungen?