Vergangene Woche am Küchentisch eines Langustenfischers in Nordwest-Schottland. Der Mann hat noch seinen gefütterten Arbeitsoverall an, der Fang des Tages wurde gerade in Lieferwagen verpackt und auf die Straße nach Glasgow geschickt. Per Luftfracht gehen die Schalentiere über Nacht nach Frankreich, Spanien und Italien. Der Familienvater lebt vom europäischen Markt. Trotzdem hat er 2016 für den Ausstieg des Vereinigten Königreiches aus der EU gestimmt.

Warum? Es sei ihm darum gegangen, die Souveränität Großbritanniens wiederherzustellen, antwortet er. Er halte die EU für eine schöne Sache, und er wünsche ihr alles Gute, aber der Kurs Richtung Superstaat, der habe ihm nicht gefallen. Und da dieser Kurs offenbar nicht zu ändern gewesen sei, habe er sein Kreuz für den Brexit gemacht.

Ob ihm nicht klar gewesen sei, dass dies für ihn mit großer Wahrscheinlichkeit finanzielle Einbußen bedeuten würde? Doch, natürlich, sagt er und zuckt mit den Schultern. Fischer in Frankreich böten ähnliche Langusten an wie er. Sollten seine Exporte demnächst mit Einfuhrzöllen belegt werden, könne ihm das schon zu schaffen machen. Aber er sei bereit, dies in Kauf zu nehmen. Früher oder später, glaubt er, werde sich schon eine Lösung finden. Der Handel nütze schließlich beiden Seiten – warum sollte man sich gegenseitig verletzen?

Stimmen wie diese hört man viele im ländlichen Großbritannien, von Landwirten oder kleineren Gewerbetreibenden. Es sind Leute, von denen viele Stadtbewohnerinnen und -bewohner vermutlich annehmen würden, dass es sie nicht gibt. Denn sie haben ein Überzeugungsgerüst, das so gar nicht ins schlichte Bild vom stumpfen, desinformierten und xenophoben Brexiteer passt.

Es sind Leute, denen Werte wie Gemeinschaft und Solidarität ebenso wichtig sind wie Eigenverantwortung und Konsequenz. Sie haben nichts gegen den Zuzug von Osteuropäern oder gegen die Aufnahme von Flüchtlingen, aber es ist ihnen wichtig, die Menschen zu kennen, die politische Entscheidungen über sie treffen. Sie wollen Vertrauen zu ihren Repräsentaten und Institutionen haben, und dieses Vertrauen muss darauf gründen, dass Politiker sich vor allem für die konkreten Interessen ihrer Wählerinnen und Wähler einsetzen und nicht für abstrakte Ziele.

Die EU war der ambitionierte Versuch, dieses Vertrauen auf eine neue Ebene zu hieven. Die Marktintegration vieler Nationen wurde mit einer neuen, supranationalen demokratischen Repräsentation versehen. Was viele Integrationisten dabei einfach nicht begreifen wollten, war, dass diese neuen Institutionen zwangsläufig Vertretungen zweiter Ordnung sein würden. EU-Mitglied zu sein bedeutet, Entscheidungsmacht auf eine Ebene abzugeben, auf der Volksvertreter aus 27 anderen Nationen mitreden. Das ist eine Verwässerung.

Die quasi-religiöse Lebenslüge von Integrationisten und Globalisten, wie sie jetzt in den USA abschätzig genannt werden, bestand darin zu glauben, Globalisierung, Demokratie und Souveränität seien gleichzeitig und jeweils unbeschadet voneinander zu haben. "Europa", dozierte 2012 der Wettbewerbskommissar Joaquin Almunia in Brüssel, müsse "diejenigen Lüge strafen, die glaubten, es bestehe ein Konflikt zwischen Globalisierung und Souveränität". Dass das Leben die Lehre Lügen strafen könne, darauf kam er, wie viele andere, nicht.

Der Brexit war deshalb, ebenso wie der Beifall für Trumps Strafzoll-Politik, auch ein Beifall für die Bestrafung einer Orthodoxie, der das Wohlergehen einer Idee im Zweifel wichtiger war als das Wohlergehen der Mittelschicht. Diese Desillusionierten schlagen mit einem radikalen Realismus zurück. "Wenn der Preis für eine überlebensfähige und freie Mittelschicht eine gewisse Schrumpfung des Bruttosozialprodukts ist, dann ist der ökonomische Nationalist bereit, diesen Preis zu zahlen", brachte der Publizist Daniel McCarthy die Begeisterung für Trump vor wenigen Tagen in der New York Times auf den Punkt.

Dieser Abwehr- und Schutzreflex ist keine Frage des politischen Lagers. Man erinnere sich: In Griechenland lehnten im Juli 2015 fast zwei Drittel der Wählerinnen und Wähler in einem Referendum die Reformvorschläge der EU und des Internationalen Währungsfonds ab. Was die Griechen damit, durchaus emotional, zu verstehen gaben, war, dass ihnen ihre Selbstbestimmung wichtiger war als das Geld der "Institutionen". Und im Mai 2016 fanden laut einer Umfrage 70 Prozent der Deutschen, dass das geplante Freihandelsabkommen TTIP "eher Nachteile als Vorteile" bringe. Was ist das, wenn nicht ein Protektionismus der nationalen Demokratie?

Es geht, kurzum, den Menschen zunehmend um Werte statt Gewinne. It's the values, stupid! Ist Globalisierungsland deshalb abgebrannt? Wer das glaubt, der begründet die nächste gefährliche Orthodoxie. Die Chance des backlash, den wir gerade erleben, besteht darin, ihn in produktive Kraft umzuwandeln, in Korrekturen, um ein neues, demokratisch akzeptables Maß zwischen Freihandel und Souveränität zu finden.