Er wird es gewusst haben, es haben ja alle gewusst, seit Monaten: Rex Tillerson ist sein Amt als Außenminister los. Für alle politischen Beobachter in den USA war es längst nur noch eine Frage der Zeit, wann Donald Trump ihn entlassen würde – die Differenzen zwischen den beiden sind kein Geheimnis, sie waren oft genug öffentlich ausgetragen worden. Die Entscheidung kann niemanden überraschen, so plötzlich sie auch per Präsidenten-Tweet in die Welt gelangte, als der Außenminister eben erst aus Afrika zurückgekehrt war. Trump soll allerdings nicht mit ihm geredet haben, und Tillerson kenne nicht den Grund für seine Entlassung und habe bleiben wollen, hieß es aus dem Außenministerium. Der dafür verantwortliche Mitarbeiter verlor ebenfalls seinen Job, denn Trumps Version lautet: Über diesen Wechsel haben wir seit Monaten viel gesprochen.

Am Montag war Tillerson im Tschad gelandet, wo er einen wichtigen Verbündeten im Kampf gegen den Terrorismus beruhigen wollte, nachdem die Trump-Regierung das Land auf die Liste mit Visasperren gesetzt hatte. Der Besuch sollte nur ein paar Stunden dauern, dann weiter nach Nigeria, andere Stationen wurden kurzfristig vom Reiseplan gestrichen: Der Außenminister müsse sich um "Nordkorea und andere drängende Angelegenheiten" kümmern und kehre deshalb einen Tag früher zurück nach Washington, wurde mitgeteilt. Schon am Samstag hatte Tillerson Termine in Kenia abgesagt, er fühle sich nicht wohl.

Mag in Kenia auch wirklich die Erschöpfung der Grund gewesen sein, wohlgefühlt hat sich Tillerson in seinem Job von Anfang an nicht. Dafür hat Trump gesorgt. Wie sollte dieser im Grunde vernünftige Mann mit klaren Positionen in der Welt die Linie seiner Regierung vertreten, wenn es sie eigentlich nicht gibt? Wenn der irrlichternde Präsident mal dieses, mal jenes forderte oder ankündigte, sich mit seinem Außenminister zu wenig abstimmte oder ihm gleich aus der Ferne in den Rücken fiel. Wenn die außenpolitischen Entscheidungen sowieso mehr denn je im Weißen Haus getroffen wurden, die Nahost-Diplomatie mit Trump-Schwiegersohn Jared Kushner gleich ganz in der Familie bleiben sollte und Tillerson nicht einmal in Personalfragen freie Hand hatte.

Am Ende zählt nur der Präsident

Je mehr Kraft Tillerson in seine Arbeit steckte, desto größer war das Risiko. Jeder, der ihm zuhörte, wartete nur auf den Tweet des Präsidenten, der alles wieder infrage stellen würde. So kann kein Diplomat viel erreichen. Doch Tillerson, der mit Exxon einen global agierenden Konzern beherrscht hatte, tat sich das alles dennoch an. Ganz sicher weil er glaubte, etwas erreichen zu können. Vielleicht weil er mit strategischer Geduld darauf hoffte, dass er Trump würde überzeugen und überwinden können. Manche haben ihn nach all den Rauswürfen, die das Weiße Haus zu verkraften hatte, einen der letzten verbliebenen Erwachsenen in dieser Regierung des infantilen Chaos' genannt. Viel wert ist dieser Titel nicht, wenn der Präsident immer nur auf sich selbst hört.

Besonders augenscheinlich war das in der Nordkorea-Frage. Während Trump zürnte und mit Krieg drohte, gegen China ätzte und den nordkoreanischen Diktator Kim reizte, beschwichtigte Tillerson, machte Gesprächsangebote, verstand sich womöglich als good cop, der neben dem tosenden Trump zumindest theoretisch für Diplomatie zuständig wäre: Wenn ihr reden wollt, kommt zu mir, wir kriegen das hin. Nur war das eben keine strategisch kluge Rollenaufteilung, sondern ein Glaubwürdigkeitsproblem, das Tillerson nie abschütteln konnte. Am Ende, das wussten alle, zählt nur Trump. Und der tat die Bemühungen des Außenministers öffentlich als "Zeitverschwendung" ab, nur um dann wiederum ohne Konsultation und ohne Vorbereitung die Einladung Kims anzunehmen.

Der Neue genießt "totales Vertrauen"

Trump selbst nennt denn auch "Meinungsverschiedenheiten" als Grund für Tillersons Entlassung, "unsere Denkweise ist nicht wirklich die gleiche" – und glaubt, dass der bisherige CIA-Direktor Mike Pompeo ihm ein besserer Außenminister sein wird. Der genießt nun angeblich Trumps "totales Vertrauen", weil er ebenso denke wie er. Auch über Tillerson hatte er Ähnliches immer mal wieder gesagt. Seit der ihn aber angeblich einen Schwachkopf genannt und diese nachvollziehbare Einschätzung nur halbherzig geleugnet hatte, soll Trump mit Pompeo geplant haben. Der Hardliner hat gewiss das Ohr des Präsidenten und kann sicher besser für ihn sprechen als sein Vorgänger. Für die Diplomatie vom Iran bis Nordkorea ist das gleichwohl nicht automatisch eine gute Entwicklung.

Es ist länger als ein halbes Jahr her, dass sich die Rücktrittsgerüchte ("Rexit") derart verselbstständigten, dass Tillerson sich zum Dementi gezwungen sah. Er werde bleiben, "solange der Präsident mich lässt", sagte er damals. Sprach's, zog sich in das einsame Büro im siebten Stock seines Ministeriums zurück, hielt sich soweit nur möglich von Journalisten und überhaupt jeder Öffentlichkeit fern und versuchte, seinen Job zu machen. Zu dem auch drastische Sparmaßnahmen gehörten: Wenn Tillerson jetzt seine Sachen packt, hinterlässt er nicht nur sein eigenes Büro leer. Man wird ihn dennoch vermissen.