In Moskau, wo Journalisten das Wort "Krieg" so oft erwähnen, wie sie Kaffee trinken, spricht man jetzt vom "diplomatischen Krieg". Die Nato-Staaten haben fast hundert russische Diplomaten ausgewiesen und einige Botschafter abberufen. Das war ihre Antwort auf den Anschlag in England mit einem russischen Nervengas, dem nach Angaben der britischen Regierung mehr als 130 Menschen potenziell ausgesetzt waren. Angesichts der entschlossenen Reaktion des Westens fragen sich viele Bürger: Ist die Ausweisung angemessen, da es doch noch keine endgültigen Beweise gibt? Wie soll man umgehen mit Russland, das den Westen immer wieder aufs Neue testet?

In New York, am Sitz der Vereinten Nationen, muss sich derzeit auch der neue deutsche Außenminister diesen Fragen stellen. Heiko Maas macht seinen Antrittsbesuch bei der globalen Institution der Absprachen, der Konsenssuche, des Multilateralismus schlechthin. Dass es eine seiner ersten Reisen überhaupt ist, zeigt, wohin es seiner Meinung nach gehen soll. Er spricht vor den UN und nicht in Moskau, wo die unberechenbaren Unilateralisten sitzen. Er spricht auch vorerst nicht in Washington, wo die America-first-Administration dieser Tage keinen Außenminister hat.

Als im Westen in der vergangenen Woche die Entscheidung reifte, im größeren Stil russische Diplomaten auszuweisen, wollte Deutschland nicht abseitsstehen. Berlin hat eine Vorbildfunktion für viele EU-Staaten. Hätte die Bundesregierung nicht mitgemacht, wäre der Westen auseinandergefallen. Nur einige Länder mit eher moskaufreundlichen Regierungen wie Österreich und Griechenland schlossen sich nicht an.

Es braucht keine eindeutigen Beweise

Die konzertierte Reaktion des Westens ist keine Gerichtsentscheidung, kein endgültiges Urteil. Sie ist eine diplomatische Reaktion auf das Verhalten der Moskauer. Sie braucht deshalb keine eindeutigen Beweise. Der überraschende Konsens der meisten Nato-Staaten wurde erst durch die Vielzahl der Herausforderungen aus Russland in der jüngsten Zeit möglich. Die Amerikaner ärgern sich über die nachgewiesene russische Einmischung in ihren Wahlkampf, die Briten über den Nervengasanschlag, die Deutschen über die Hackerangriffe auf den Bundestag und zuletzt auf den Regierungsserver.

Ja, aber das ist doch alles nicht bewiesen, lautet eine verständliche erste Reaktion. Doch dann sollte man weiter nachdenken: über das Motiv, die Indizien und die russische Reaktion nach der Aufdeckung. Das Motiv ist unbestreitbar vorhanden. In allen Fällen gibt es ein russisches Interesse, bei den Hackerangriffen in Deutschland ohnehin, aber auch beim Giftanschlag in England. Der signalisiert allen russischen Agenten, dass sie niemals für die Gegenseite arbeiten sollen – sonst enden sie so jämmerlich wie Skripal.

Was die Indizien betrifft, führen die Spuren bei den Hackerangriffen nach Russland. Im Giftgasfall deutet auch vieles Richtung Moskau. Hier wurde ein russisches Nervengas gegen einen russischen Spion gebraucht, der für London gearbeitet hatte. Es wäre für die Aufklärung gut, wenn die britischen Geheimdienste alles auf den Tisch legten, was sie wissen.