Kommt er oder kommt er nicht? Am Ende stieg Wladimir Putin dann doch auf die Bühne an der Kremlmauer. Tausende hatten sich in Moskau bei frostigen Temperaturen versammelt, eigentlich um den vierten Jahrestag der Krim-Annexion zu feiern – das Motto: "Russland, Sewastopol, Krim". Als die letzten Wahllokale geschlossen hatten, stolzierte Putin ins Scheinwerferlicht, um sich für die Fernsehkameras vor einem Meer russischer Kameras zu zeigen. "Wir sind ein starkes Team, das aus Millionen Bürgern besteht!", rief er etwas ungelenk in den Abendhimmel. Umso wichtiger sei es, "in diesen schwierigen Zeiten den Schulterschluss zu üben". Unter Russland!-Russland!-Sprechchören trat der Präsident wieder ins Off.

Der Sammler der russischen Erde, der nach dem Wahlsieg einmal mehr den patriotischen Korpsgeist bemüht: Hat Putin damit schon die Außenpolitik für die nächsten sechs Jahre abgesteckt? Dass das Datum der Präsidentschaftswahlen ausgerechnet auf den 18. März fiel, war freilich kein Zufall. Es gibt derzeit kein Thema, bei dem Putin in der Bevölkerung so große Zustimmungswerte genießt: Nach der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim 2014 ist die Popularität des Präsidenten, der zuvor nach Protesten innenpolitisch angeschlagen wirkte, um fast 30 Prozentpunkte gestiegen. Ein Wert, der bis heute unverändert geblieben ist: Laut aktuellen Umfragen stehen heute noch heute 86 Prozent der Russen hinter dem Anschluss der Krim.

Angesichts dieser Zahlen wäre es wohl verwunderlich, wenn der Patriotismus und das russische Großmachtstreben nicht auch weiterhin eine wichtige Machtressource für den Kreml blieben. Das Bild der belagerten Festung, die er gegen alle Widerstände wieder als Global Player etabliert hat, ist zu einem festen Bestandteil der Putin-Propaganda geworden und zugleich die wichtigste Währung, mit der der Kreml seine Bürger in Zeiten der Wirtschaftskrise bezahlt. Ein Bild, das freilich ungeachtet der Tatsache funktioniert, dass Russland die meisten Konflikte, in die es verwickelt ist, selbst mit ausgelöst hat.

"In schwierigen Zeiten hält unser Volk nun mal zusammen"

Es ist ein patriotischer Schulterschluss, der immer wieder in den Staatsmedien als antiwestlich definiert und auch vor den Wahlen, insbesondere in der Causa um den in Großbritannien vergifteten Ex-Spion Skripal, ausgeschlachtet wurde: "Ein großes Dankeschön an unsere britischen Freunde", kommentierte der Sprecher des Putin-Wahlkampfstabs Andrej Kondraschow zynisch, der als Programmchef bei der staatlichen Medienholding WGTRK bis zuletzt auch wesentlich für den Spin der Berichterstattung verantwortlich war. Der Fall Skripal habe den Präsidentschaftswahlkampf in seinen letzten Tagen zu einem Jetzt-erst-recht-Wahlkampf gemacht – und nur noch mehr russische Wähler zur Stimmabgabe bewegt, glaubt er. Ein Seitenhieb, den sich auch die Leiterin der Zentralen Wahlkommission Ella Pamfilowa sichtlich nicht verkneifen konnte, die sich bei einer Pressekonferenz bei "einigen Politikern westlicher Länder" bedankte: "In schwierigen Zeiten hält unser Volk nun mal zusammen."

Vor allem in seiner dritten Amtszeit hat Putin die Außenpolitik als ein für ihn lohnendes Betätigungsfeld entdeckt. Immer wieder hat er bei Konflikten den taktischen Vorteil ausspielen können, schnell und ohne Rücksicht auf demokratische Kontrolle zuschlagen zu können – sei es auf der Krim, in der Ostukraine oder in Syrien – und so den Westen vor den Kopf zu stoßen. Dass das so bleiben wird, glaubt die Politologin Jekaterina Schulmann. "Es gibt eigentlich nur zwei Dinge, die dem System gefährlich werden können", sagt sie. "Die Isolation von außen und Massenproteste von innen." So werde das System alles daran setzen, diese beiden Szenarien zu vermeiden – um international an so vielen Prozessen wie nur möglich teilzunehmen, "koste es, was es wolle", sagt Schulmann, die als Expertin für den russischen Machtapparat gilt. "Lieber ein internationaler Spoiler, Gauner, Dissident oder gar ein Schurkenstaat sein als international isoliert oder nur ein Zaungast."