Saudische Frauen sollen künftig nicht mehr ihren Kopf und ihr Gesicht verhüllen und lange schwarze Roben tragen müssen. Das sagte der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman dem US-Sender CBS.

Nach seiner Auffassung sehe die muslimische Rechtsprechung, die Scharia, keine Verschleierung vor. Festgelegt sei lediglich, dass Frauen "dezente und respektvolle" Kleidung tragen müssten, ebenso wie Männer. Das setze nicht unbedingt die Abaya, also die traditionelle schwarze Robe, oder eine schwarze Kopfverhüllung voraus. "Die Entscheidung, welche dezente und respektvolle Kleidung sie tragen wollen, liegt vollständig bei den Frauen."

In Saudi-Arabien gibt es kein staatliches Verschleierungsgesetz. Vorgeschrieben war bisher nur, ein weites langes Gewand zu tragen, das die Figur verhüllt. Zudem ist festgelegt, dass sich die Menschen an die Vorgaben der Scharia halten müssen. Daraus wiederum leiteten Gerichte und Polizei einen sehr strikten Dresscode ab. Das heißt: Abaya und in vielen Fällen Verschleierung von Gesicht und Haaren. Daran mussten sich alle Frauen ab der Pubertät halten. Ähnliche Regeln galten auch für nicht muslimische Ausländerinnen: Sie mussten Arme und Beine bedecken und ein weites, nicht tailliertes Gewand tragen.

Immer wieder belästigte die Religionspolizei nicht verschleierte Frauen

Inwiefern sich nun tatsächlich die Kleiderordnung im Königreich ändert, ist noch unklar – ebenso, ob die Frauen in Saudi-Arabien sich tatsächlich auch freizügiger kleiden. Dem könnten immer noch gesellschaftliche Zwänge oder die Verbote von der Familie oder dem Mann entgegenstehen. Besonders die zentralen Provinzen Riad und Buraida gelten als sehr konservativ, hier tragen viele Frauen den Gesichtsschleier Nikab.

Aber immerhin könnte sich durch Bin Salmans Aussage ändern, ob Strafen drohen. Die sind nämlich nicht schriftlich festgelegt, sondern im Ermessen des Richters. Bisher mussten Frauen mit einer Ermahnung der Polizei oder der Religionspolizei Mutawwa rechnen. Immer wieder wurden Fälle bekannt, in denen die Mutawwa Frauen belästigte, die nicht ausreichend verschleiert waren. Strafanzeigen drohten deswegen meist Frauen in strenggläubigen Gebieten. In der liberaleren Hafenstadt Dschidda verfolgt die Polizei schon jetzt keine Sittenverstöße bei der Bekleidung. Das erhoffen sich Frauenrechtlerinnen und -rechtler nun für das ganze Land.

Der reformorientierte Kriegerprinz

Mohammed bin Salmangilt schon länger als reformorientiert. Mitte 2017 hatte König Salman den 32-Jährigen zum Kronprinzen und stellvertretenden Rechierungschef ernannt, der bisherige Kronprinz, Mohammed bin Naif, wurde entmachtet. Seitdem ist eine vorsichtige soziale Öffnung in dem streng muslimisch ausgerichteten Königreich zu beobachten. So kündigte Mohammed bin Salman im September an, Frauen erstmals das Autofahren erlauben zu wollen. Auch genehmigte er erstmals Kinos und gestattete Frauen, Fußballspiele zu besuchen.

Außenpolitisch gilt er allerdings als Hardliner und wurde bereits als "Kriegerprinz" bezeichnet. Der deutsche Geheimdienst warnte schon 2015 vor der "impulsiven Interventionspolitik" des Kronprinzen und aktuellen Verteidigungsministers: Er versuche, den eigenen Einflussraum auch militärisch auszudehnen und überstrapaziere die Beziehung zu alliierten Staaten in der Region. Dem erklärten Feind Iran drohte er kürzlich mit dem Bau einer eigenen Atombombe – weil er die Regierung in Teheran verdächtigt, ihr Atomprogramm militärisch nutzen zu wollen.