Die USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland haben sich in einer gemeinsamen Erklärung "entsetzt" über den Giftanschlag in Salisbury geäußert und Russland zur Aufklärung aufgefordert. "Der Einsatz eines militärischen Nervenkampfstoffs eines Typs, wie er von Russland entwickelt wurde, stellt die erste offensive Anwendung eines solchen Nervengifts in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg dar", hieß es in der Erklärung.

Russland sei aufgefordert, "zu allen Fragen Stellung zu nehmen", die mit dem Anschlag im britischen Salisbury verbunden seien. Insbesondere solle die Regierung in Moskau das Programm in Zusammenhang mit dem Nervengift Nowitschok vollumfänglich gegenüber der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OVCW) offenlegen. Denn, so heißt es in der Erklärung weiter, Russland trage mit "hoher Wahrscheinlichkeit die Verantwortung". Es handele sich um einen "Übergriff gegen die Souveränität des Vereinigten Königreichs" und einen Verstoß gegen das Völkerrecht. "Ein solches Vorgehen verletzt eindeutig die Bestimmungen des Chemiewaffenübereinkommens und das Völkerrecht. Es bedroht unser aller Sicherheit."

Russland hatte sich zuletzt geweigert, auf ein Ultimatum der britischen Regierung einzugehen. Die Regierung war aufgefordert worden, sich zu dem Mordversuch an dem Ex-Spion Sergej Skripal und seiner Tochter Julija zu äußern. In der gemeinsamen Erklärung der Staaten hieß es nun, Russlands Weigerung, auf die berechtigten Fragen der Regierung des Vereinigten Königreichs einzugehen, liefere "einen zusätzlichen Anhaltspunkt für seine Verantwortlichkeit".

Zuvor hatten sich die USA und Deutschland bereits demonstrativ an die Seite der britischen Premierministerin Theresa May gestellt: Man teile die Einschätzung Großbritanniens, dass Russland hinter dem Angriff stecke, hieß es von Seiten der US-Regierung. Mays Entscheidung, 23 russische Diplomaten auszuweisen, sei eine "gerechte Antwort". Die UN-Botschafterin der USA, Nikki Haley, machte bei einer Sitzung des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen ebenfalls Russland für das Giftattentat verantwortlich. Sie rief das UN-Gremium auf, "umgehend konkrete Maßnahmen" zu ergreifen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte von Russland volle Zusammenarbeit und Transparenz zur Aufklärung des Giftanschlags. "Wir nehmen die Befunde der britischen Regierung sehr ernst", sagte sie in der ARD. Außenminister Heiko Maas sagte: "Dieser Anschlag darf nicht ohne Folgen bleiben. Die Täter müssen zur Rechenschaft gezogen werden." 

Frankreich - Maas fordert Mitarbeit Russlands bei Aufklärung im Fall Skripal Der deutsche Außenminister Heiko Maas und sein französischer Amtskollege Jean-Yves Le Drian haben ihre Solidarität mit der britischen Regierung erklärt. Nach einem Giftgasangriff auf einen Ex-Agenten forderte Großbritannien Aufklärung von Russland. © Foto: Thibault Camus/AP/dpa

Nato zweifelt nicht an russischer Verantwortung

Die Nato hat keine Zweifel, dass Russland für den Nervengiftanschlag verantwortlich ist. Die Attacke entspreche dem rücksichtslosen Verhalten Russlands in den vergangenen Jahren, sagte Generalsekretär Jens Stoltenberg in Brüssel. Russland verwische auf vielerlei Art "die Grenze zwischen Frieden, Krise und Krieg". Er sicherte der Regierung in London erneut die Solidarität der Nato zu. "Wir haben keinen Grund, die Ermittlungsergebnisse und Einschätzungen Großbritanniens infrage zu stellen."

Mit Blick auf eine Reaktion der Nato warnte Stoltenberg allerdings vor großen Erwartungen. Großbritannien habe nicht beantragt, dass der Anschlag nach Artikel 5 als ein militärischer Angriff auf alle Alliierten eingestuft werde, sagte er. Das Bündnis leiste deswegen bislang lediglich starke politische Unterstützung.

Die von Großbritannien bereits angekündigten Strafmaßnahmen, die unter anderem die Ausweisung von russischen Diplomaten umfassen, bezeichnete Stoltenberg als richtig und angemessen. Auf einen solchen Anschlag müsse es eine Antwort geben, sagte er.

Für den kommenden Montag kündigte Stoltenberg ein Treffen mit dem britischen Außenminister Boris Johnson an. Dies zeige, wie eng man sich austausche, so der Generalsekretär.

Russland droht mit Gegenmaßnahmen

Der 66-jährige Ex-Spion Sergej Skripal und seine 33-jährige Tochter waren am 4. März vor einem Einkaufszentrum in der südenglischen Stadt Salisbury bewusstlos aufgefunden worden. Bei dem Anschlag wurde nach britischen Angaben ein Mittel aus der Gruppe der Nowitschok-Nervengifte eingesetzt, die das sowjetische Militär in den 1970er und 1980er Jahren entwickelt habe.

Russland hat bestritten, Nowitschok-Kampfstoffe hergestellt zu haben: "Es gab weder in der Sowjetunion noch in Russland Programme zur Entwicklung chemischer Kampfstoffe mit dem Namen Nowitschok", sagte der russische Vize-Außenminister Sergej Riabkow nach Angaben der Nachrichtenagentur Interfax. Russland hat eine Verwicklung in den Mordangriff bereits mehrfach dementiert. Zuletzt hatte auch der russische UN-Botschafter Wassili Nebensia jeglichen Zusammenhang dementiert und forderte eine Offenlegung der angeblichen Beweise. Außenminister Sergej Lawrow kündigte weiter an, auch Russland werde nun Diplomaten des Landes verweisen. In Kürze beginne man mit den Ausweisungen britischer Diplomaten.

May wiederum kündigte noch weitere Strafmaßnahmen an, darunter strengere Grenzkontrollen und das potenzielle Einfrieren von Vermögen. Auch werden weder Minister noch Mitglieder der Königlichen Familie im Sommer zur Fußballweltmeisterschaft reisen, die erstmals in Russland ausgetragen wird. 

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron kündigte am Donnerstag zudem "Maßnahmen" als Reaktion auf den Giftanschlag an. EU-Ratspräsident Donald Tusk sagte, die Attacke werde auch Thema beim EU-Gipfel der nächsten Woche sein.