Der russische Außenminister Sergej Lawrow hat die Ausweisung zahlreicher russischer Diplomaten aus EU-Staaten auf Erpressungsdruck der USA zurückgeführt. "Das alles ist ein Ergebnis des kolossalen Drucks, kolossaler Erpressung", die Washington leider als Werkzeug auf internationaler Ebene nutze, sagte Lawrow bei einer Konferenz in der usbekischen Hauptstadt Taschkent. Das Vorgehen spiegele lediglich den Willen der herrschenden Eliten wider, nicht jedoch den der einfachen Bürger.

Außenamtssprecherin Marija Sacharowa sagte der Agentur Tass zufolge, dass lediglich die USA und Großbritannien von den Maßnahmen profitierten. "Die Begünstigten sind natürlich letztlich London und Washington, indem sie diesen russophoben Kurs fortsetzen."

Die USA, Deutschland sowie mehr als 20 weitere Länder hatten am Montag in einer bislang beispiellosen gemeinschaftlichen Aktion mehr als 100 russische Diplomaten und Geheimdienstmitarbeiter ausgewiesen. Zuletzt gab auch Irland die Ausweisung eines russischen Diplomaten bekannt. Damit solidarisiere sich sein Land mit Großbritannien, teilte der irische Außenminister Simon Coveney in Dublin mit.

Merkel und Trump sprechen von "starkem Signal der Einheit"

US-Verteidigungsminister James Mattis warf der russischen Regierung im Fall Skripal "versuchten Mord" vor. Es sei "ziemlich offensichtlich", dass bei dem Giftanschlag auf den russischen Ex-Agenten Sergej Skripal und seine Tochter Julia ein chemisches Mittel verwendet worden sei. Es handele sich um den ersten Angriff mit einer Chemiewaffe seit dem Zweiten Weltkrieg in Europa.

Auf die Frage, ob dies ein kriegerischer Akt gewesen sei, sagte Mattis, es handele sich um ein Muster russischer Aktionen, von denen Präsident Wladimir Putin anscheinend glaube, dass sie plausibel abgestritten werden könnten. Als Beispiele nannte er die russische Annexion der Krim 2014, eine russische Militärintervention in der Ostukraine und die Einmischung in die US-Präsidentenwahl 2016.

In einem gemeinsamen Telefonat begrüßten Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Donald Trump die gemeinsame Reaktion des Westens im Konflikt mit Russland. Sie bezeichneten das koordinierte Vorgehen der EU-Staaten und Nato-Verbündeten als "ein starkes Signal der Einheit", wie Regierungssprecher Steffen Seibert mitteilte. Auch Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron sprach nach Angaben des Elysée-Palasts mit Trump. Beide lobten demnach die "starke Reaktion" des Westens.

"Ein Schlag, von dem sich der russische Geheimdienst viele Jahre nicht erholen wird"

Der britische Außenminister Johnson nannte die massenhaften Ausweisungen von Diplomaten einen "Wendepunkt" in den Beziehungen des Westens mit Russland. Es handele sich um einen "Schlag, von dem sich der russische Geheimdienst viele Jahre nicht erholen wird", schrieb Johnson in der Times.

Moskau kündigte eine baldige Reaktion auf die Ausweisungen an. "Wir werden antworten. So eine Gemeinheit will niemand einfach hinnehmen, auch wir werden das nicht tun", sagte Lawrow.

Unterdessen hat auch die Nato Strafmaßnahmen gegen Russland verhängt. Sieben russische Diplomaten würden ausgewiesen, drei weiteren Russen werde die Akkreditierung verweigert, sagte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg in Brüssel. Zudem werde die russische Delegation künftig nur noch 20 Personen groß sein dürfen. Dies entspreche einer Reduzierung der Maximalgröße um zehn Personen.

Hauptauslöser für die konzertierte diplomatische Aktion war der Giftanschlag auf den russischen Ex-Spion Sergej Skripal und seine Tochter Julija Anfang des Monats im südenglischen Salisbury. Dabei wurde nach britischen Angaben ein von der Sowjetarmee im Kalten Krieg entwickeltes Nervengift eingesetzt. Zurzeit untersuchen Experten der Organisation für das Verbot chemischer Waffen die Proben vom Tatort. Der britischen Premierministerin Theresa May zufolge soll es Informationen geben, wonach Russland in den vergangenen zehn Jahren Forschungen zum Einsatz von Nervengiften anstellte.