1. Warum wird Russland beschuldigt?

Russland wird hauptsächlich wegen der Tatwaffe beschuldigt. Der russische Ex-Spion Sergej Skripal und seine Tochter Julija wurden nach Angaben der britischen Regierung mit dem Kampfmittel Nowitschok vergiftet. Das Defence Science and Technology Laboratory in Porton Down habe dies nach einer genauen Untersuchung festgestellt, sagte Premierministerin Theresa May Ende März vor dem britischen Parlament.

Nowitschok (deutsch: Neuling) wurde in der ehemaligen Sowjetunion als Reaktion auf das Chemiewaffenprogramm der USA entwickelt und besteht aus mindestens zwei Komponenten. Zur tödlichen Chemiewaffe wird es, wenn beide Substanzen vermengt werden. Da Nowitschok in Russland entwickelt wurde, sei es "höchst wahrscheinlich", dass Russland hinter dem Anschlag steht, erklärte May.

Der deutsche Toxikologe Ralf Trapp, der für die Organisation zum Verbot von chemischen Waffen (OPCW) und die Vereinten Nationen arbeitet, unterstützt diese Theorie: Man könne von einem Gift wie Nowitschok genau auf dessen Herkunft schließen, sagte er in einem Interview mit dem ZDF. Solche Kampfmittel trügen eine Signatur, eine Art Fingerabdruck in sich, sagt Trapp, der seit 30 Jahren über chemische und biologische Waffen forscht. Wenn man Zugang zur Tatwaffe habe, könne man herausfinden, aus welchem Labor der Kampfstoff komme.

Das britische Labor in Porton Down konnte jedoch nur zweifelsfrei nachweisen, dass es sich um Nowitschok handelte. In einer Mitteilung von Anfang April teilten die Wissenschaftler mit, sie hätten nicht nachweisen können, dass das Gift aus Russland stamme. Doch sagte der Laborleiter, es könne nur "ein staatlicher Akteur" für die Herstellung des Gifts infrage kommen.

Die Skripals waren am 4. März bewusstlos auf einer Parkbank vor einem Einkaufszentrum in Salisbury aufgefunden worden. Die britischen Ermittler stellten eine hohe Konzentration des Gifts an der Eingangstür von Skripals Haus sicher. Auch in einem Pub, einem Restaurant und auf einem Friedhof fanden sich Spuren des Gifts.

Neben den britischen Ermittlern untersuchten auch Experten der Organisation für das Verbot chemischer Waffen OPCW das Gift. An den potenziellen Tatorten in Salisbury nahmen sie Bodenproben sowie Gewebe- und Blutproben der Opfer. Diese wurden in internationalen Labors untersucht. Am 12. April wurden die Ergebnisse der OPCW veröffentlicht. Nach Angaben der Organisation konnten sie die Ergebnisse aus Großbritannien bestätigen. Wörtlich heißt es, es seien die Ergebnisse "Großbritanniens in Bezug auf die Identität der toxischen Chemikalie bestätigt" worden. Die OPCW nannte in ihrem Bericht weder den Namen des eingesetzten Giftes noch die Herkunft.

Russland ist Mitglied der OPCW und hat sich durch die Unterzeichnung und Ratifizierung des internationalen Chemiewaffenübereinkommens zur Anerkennung der unabhängigen Arbeit der internationalen Organisation verpflichtet. Im Fall der Skripals hatte Russland gefordert, man wolle sowohl an der britischen als auch an der OPCW-Untersuchung beteiligt werden. Andernfalls werde man die Ergebnisse nicht anerkennen. Großbritannien und die OPCW gingen auf die Forderungen nicht ein.

2. Hat die britische Regierung weitere Belege?

Bislang wurden keine Belege aus London veröffentlicht. Die Briten sagen aber, sie hätten Informationen, die auf Russland hinwiesen. "Wir haben auch andere Informationen, (...) die darauf hindeuten, dass Russland in den letzten zehn Jahren Möglichkeiten untersucht hat, Nervengiftstoffe zu liefern, vermutlich zu Mordzwecken", sagte der britische Botschafter in Moskau, Laurie Bristow, am 22. März.

Nach Bekanntgabe der OPCW-Ergebnisse Mitte April sagte der britische Außenminister Boris Johnson: "Es kann keinen Zweifel daran geben, was genutzt wurde, und es bleibt keine alternative Erklärung, wer verantwortlich ist – nur Russland hat Möglichkeiten, Motive und Erfahrungen."

3. Wer ist Sergej Skripal?

Der in Kaliningrad geborene Russe Sergej Skripal arbeitete mehrere Jahre für den russischen Militärgeheimdienst GRU. In den Neunzigerjahren spionierte er in Malta und Spanien für Russland, bevor er die Seiten wechselte. Skripal ließ sich vom spanischen und britischen Auslandsgeheimdienst anwerben. Unter dem Decknamen Forthwith lieferte er von da an als Doppelagent den beiden westlichen, miteinander kooperierenden Diensten Informationen. Im Jahr 2004 enttarnte Moskau den Überläufer und verhaftete ihn in der russischen Hauptstadt. Wegen Hochverrats wurde er zu Lagerhaft verurteilt und in der russischen Republik Mordwinien inhaftiert. 2010 kam Skripal im Rahmen eines Agentenaustauschs zwischen den USA und Russland frei und zog nach Großbritannien.

Am 4. März 2018 wurde Skripal beim Verlassen seines Hauses in Salisbury mit Nowitschok vergiftet und liegt seitdem im Krankenhaus. Seine Tochter Julija war am 3. März nach Großbritannien gereist, um ihren Vater zu besuchen. Die 33-Jährige Skripal verließ das Krankenhaus knapp einen Monat später, unterschiedlichen Angaben zufolge am 9. oder 10. April. Zweimal wurden Mitteilungen von Julija Skripal veröffentlicht, in einem lehnt sie das Hilfsangebot der russischen Botschaft ab. Zum Giftangriff selbst äußerte sich Julija Skripal jedoch nicht. Ihr Vater Sergej befindet sich weiterhin im Krankenhaus. Laut der behandelnden Ärztin ist auch er auf dem Weg der Besserung.

4. Gab es in der Vergangenheit vergleichbare Fälle?

In den vergangenen Jahren kamen 14 Menschen in Großbritannien auf ungeklärte Art ums Leben. Geheimdienste aus den USA sehen hinter diesen Todesfällen Aktionen Russlands, wie Recherchen von Buzzfeed nahelegen. Bewiesen ist das nicht.

Klarer ist die Beweislage im Mordfall Alexander Litwinenko. Der in Russland geborene Litwinenko wurde im November 2006 von russischen Geheimdienstmitarbeitern in Großbritannien mit radioaktivem Polonium vergiftet. Litwinenko verbrachte danach längere Zeit im Krankenhaus. Wie Skripal war auch er ein Geheimagent, der die Seiten gewechselt hatte. Am Ende der Ermittlungen im Fall Litwinenko stellte der britische Richter Robert Owen in seinem Abschlussbericht sogar fest, dass die Operation des FSB, Litwinenko zu ermorden, wahrscheinlich von Wladimir Putin persönlich gebilligt wurde. Die britische Innenministerin, die mit der Aufarbeitung des Falls Litwinenko direkt befasst war, ist die heutige Regierungschefin: Theresa May.

5. Welche Maßnahmen haben Großbritannien und seine Verbündeten ergriffen?

Theresa May zufolge handelt es sich im Fall Skripal um einen bewaffneten Angriff gegen Großbritannien. Deshalb sieht sie in dem Mordversuch einen Fall für die Nato. Im Gründungsvertrag des Bündnisses heißt es in Artikel 5, ein bewaffneter Angriff gegen ein Mitglied des Militärbündnisses werde als Angriff gegen alle angesehen. Der Fall Skripal sei "ein klarer Bruch internationaler Regeln und Vereinbarungen", teilten alle 29 Nato-Mitgliedsländer in einer gemeinsamen Erklärung mit.

Die USA, die EU und viele einzelne Staaten verurteilten den Anschlag eigenständig, sicherten Großbritannien ihre Solidarität zu und boten Unterstützung bei der laufenden Untersuchung an. Eine weitere Folge war die Ausweisung russischer Diplomaten: Insgesamt wurden mehr als 150 Auslandsvertreter nach Russland zurückgeschickt. Unter anderem die USA, die EU und Kanada hatten russische Diplomaten des Landes verwiesen.