US-Außenminister Rex Tillerson hat sich der Schlussfolgerung der britischen Regierung angeschlossen, wonach Russland für den Giftanschlag auf einen russischen Ex-Doppelagenten in England verantwortlich ist. "Wir haben volles Vertrauen in die Untersuchungen des Vereinigten Königreiches und seine Bewertung", wurde Tillerson in einer Mitteilung seines Ministeriums in Washington zitiert. Russland sei "wahrscheinlich" verantwortlich für den Giftanschlag auf Sergej Skripal und seine Tochter Julija, bekräftigte Tillerson am Dienstag auf einem Flug von Nigeria nach Washington, D.C.

Kurz zuvor hatte das Weiße Haus es noch abgelehnt, sich dieser Lesart anzuschließen. US-Präsident Donald Trumps Sprecherin Sarah Sanders sagte am Montag auch auf mehrfache Nachfragen lediglich, die USA stünden an der Seite ihres Alliierten und verurteilten den Anschlag.

Tillerson drohte den Verantwortlichen – "sowohl denen, die das Verbrechen begangen haben, als auch denen, die es in Auftrag gegeben haben" – mit "angemessenen, ernsthaften Konsequenzen". Er wisse zwar nicht, ob die russische Regierung von der Vergiftung gewusst habe. Doch hätte das Gift nur aus Russland stammen können. Tillerson sagte, den Vereinigten Staaten sei das für den Angriff genutzte Mittel bekannt. Es sei nicht weit verbreitet und "nur in den Händen einer sehr, sehr begrenzten Anzahl von Akteuren". Es sei kaum nachzuvollziehen, dass ein staatlicher Akteur eine so gefährliche Substanz in der Öffentlichkeit einsetze. Den Anschlag auf Skripal bezeichnete der US-Chefdiplomat als "wirklich ungeheuerliche Tat". Für den Mordversuch an einem Privatbürger auf dem Boden einer souveränen Nation könne es keinerlei Rechtfertigung geben. 

Eine Kraft der Instabilität

"Wir sind schockiert, dass Russland sich erneut in derlei Verhalten engagiert zu haben scheint", fügte er hinzu. "Russland bleibt von der Ukraine über Syrien und nun Großbritannien eine unverantwortliche Kraft der Instabilität in der Welt, die mit offener Verachtung der Souveränität anderer Staaten und dem Leben derer Bürger agiert", mahnte Tillerson.

Auch die Nato reagierte: Großbritannien sei ein hoch geschätzter Verbündeter und "dieser Zwischenfall" sei für die Nato Anlass für "große Besorgnis", sagte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg. Der Einsatz eines jeden Nervenkampfstoffes sei "abscheulich" und "völlig inakzeptabel". Die Nato stehe in der Angelegenheit mit den britischen Behörden in Kontakt.

Der 66-jährige Skripal und seine 33-jährige Tochter waren Anfang März bewusstlos auf einer Parkbank in der südenglischen Kleinstadt Salisbury entdeckt worden. Sie sind weiterhin in lebensbedrohlichem, aber stabilem Zustand. Die Ermittler fanden anschließend Spuren eines Nervenkampfstoffes aus der Nowitschok-Serie in "militärischer Qualität". Die früher in der Sowjetunion produzierte Substanz, die in etwa 100 Varianten vorkommt, zählt zu den gefährlichsten Nervengiften überhaupt. Offizielle Stellen in Russland hätten den Anschlag entweder direkt in Auftrag gegeben oder ihn zumindest ermöglicht, sagte May. Sie stellte Russland ein Ultimatum bis Dienstagabend. Bis dahin müsse sich Moskau zu dem Fall erklären, sonst werde es Sanktionen geben.

Der Fall erinnert an die Ermordung des Kremlgegners Alexander Litwinenko im Jahr 2006. Unbekannte hatten ihn in London mit radioaktiv verseuchtem Tee vergiftet. Das darin enthaltene hochgiftige Polonium 210 tötete ihn nach drei Wochen. Nach britischen Ermittlungen stecken frühere russische Geheimdienstler hinter dem Mord an dem abtrünnigen Exilanten.