Sergej Skripal trug seine braune Lederjacke, als er in der ersten Märzwoche nahe seinem Wohnhaus eine Packung Milch kaufte. Der 66-Jährige, der bei seinem Einkauf von einer Überwachungskamera gefilmt wurde, wirkte dabei entspannt. Es waren die letzten Aufnahmen des Russen, die öffentlich einsehbar sind. Am darauffolgenden Sonntag wurden Skripal und seine Tochter Julija mit dem Kampfmittel Nowitschok vergiftet.

Seitdem Skripal bewusstlos auf einer Parkbank in Salisbury gefunden wurde, wirft sein Fall viele Fragen auf. Wer hat Skripal vergiftet? Warum? War es der russische Geheimdienst? Was hat Wladimir Putin damit zu tun? Wen könnte es noch treffen? Ist das der Beginn eines neuen Kalten Krieges? Wo wird die Spirale der gegenseitigen Anschuldigungen zwischen Großbritannien und Russland noch hinführen?

Sicher ist zum jetzigen Zeitpunkt, dass fast nichts sicher ist. Keine dieser Fragen kann mit belegbaren Fakten beantwortet werden. Auch fast zwei Wochen nach der Tat lässt sich relativ wenig über die Hintergründe der Tat berichten. Endgültige Antworten wird es, wenn überhaupt, erst nach Monaten oder Jahren der Ermittlungen geben. So verlief es auch nach dem vergleichbaren Fall des Mordes an Alexander Litwinenko im November 2006.

Trotzdem hat der Fall Skripal bereits jetzt eine politische Kettenreaktion ausgelöst. "Der russische Staat ist des versuchten Mordes schuldig", sagte die britische Premierministerin Theresa May vor dem Parlament in London. May zufolge handelt es sich im Fall Skripal um einen bewaffneten illegalen Gewalteinsatz gegen Großbritannien durch den russischen Staat. Damit ist der Fall eine Nato-Angelegenheit. Im Gründungsvertrag des Militärbündnisses heißt es im Artikel 5, dass ein bewaffneter Angriff gegen ein Mitglied des Militärbündnisses in Europa oder Nordamerika als ein Angriff gegen alle angesehen wird. Der Angriff auf Skripal sei "ein klarer Bruch internationaler Regeln und Vereinbarungen", teilten alle 29 Nato-Mitgliedsländer in einer gemeinsamen Erklärung mit. Die Verbündeten sicherten Großbritannien ihre Solidarität zu und boten Unterstützung bei der laufenden Untersuchung an. 

Der klarste Hinweis dazu, weshalb May Russland beschuldigt, hat mit dem Gift zu tun, das die Polizei bei Skripal fand. Nowitschok (deutsch: "Neuling") wurde in der damaligen Sowjetunion als Reaktion auf das Chemiewaffenprogramm der USA entwickelt. Es besteht aus mindestens zwei Komponenten, die getrennt voneinander ungefährlich sind. Es wird erst zur tödlichen Chemiewaffe, wenn beide Substanzen vermengt werden. Obwohl später ein bilaterales Abkommen zwischen den USA und der UdSSR die Weiterentwicklung von Chemiewaffen untersagte und Russland die Chemiewaffenkonvention unterzeichnet und ratifiziert hat, soll Moskau an dem Kampfstoff weitergeforscht haben. Dies berichtet unter anderem die Neue Zürcher Zeitung.

May hat in der UN um Beistand gebeten und eigene Maßnahmen gegen Russland eingeleitet. So wird Großbritannien 23 russische Diplomaten des Landes verweisen. Die Fußball-WM, die im Sommer in Russland ausgetragen werden soll, wird von der britischen Regierung und von Mitgliedern des Königshauses boykottiert. Weitere mögliche Reaktionen Großbritanniens nach dem Anschlag: neue Sanktionen gegen die russische Wirtschaft oder gegen am Fall Skripal beteiligte Russen. Und der Entzug der Sendelizenz für den vom Kreml gesteuerten russischen Auslandssender RT.

All das geschieht wegen eines Mannes, der die vergangenen Jahre im 45.000-Einwohner-Städtchen Salisbury, etwa zwei Stunden südwestlich von London, scheinbar nur seinen Ruhestand genoss. Doch auch ob das stimmt, ist ungewiss.

Sergej Skripals Leben ist voller Geheimnisse. Der in Kaliningrad geborene Russe arbeitete mehrere Jahre für den russischen Militärgeheimdienst GRU. In den Neunzigerjahren spionierte er in Malta und Spanien für Russland, bevor er die Seiten wechselte. Skripal ließ sich vom spanischen und britischen Auslandsgeheimdienst anwerben. Unter dem Decknamen Forthwith lieferte er von da an als Doppelagent den beiden westlichen miteinander kooperierenden Diensten Informationen, die gegen Russland verwendet werden können.