Die türkische Armee und ihre Verbündeten sind in die nordsyrische Stadt Afrin vorgedrungen. Bislang sei man nicht auf Gegenwehr gestoßen, teilte die Freie Syrische Armee (FSA) mit. Die Kämpfer der kurdischen YPG-Miliz hätten sich weitgehend zurückgezogen.

Das Militärbündnis aus türkischen Truppen und der FSA sei daher schnell vorangekommen, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit, die den Regimegegnern nahesteht. Nach Angaben der FSA sind bereits einige Stadtteile unter Kontrolle gebracht worden, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan sprach sogar von einer "vollständigen Eroberung" des Stadtzentrums von Afrin. Militärangaben zufolge wird nun das Gebiet nach Landminen und Sprengsätzen durchsucht.

Kurden dementieren Abzug aus Afrin

Die YPG-Miliz bestreitet indes, dass die Kurden aus Afrin abgezogen seien. Es gebe weiter Kämpfe, sagte YPG-Vertreterin Hadia Jussef. Die Miliz habe stattdessen dabei geholfen, Zivilisten aus der Stadt in Sicherheit zu bringen. Man habe sie vor "den Massakern" der türkischen Kräfte und ihrer Verbündeten geschützt, sagte Jussef weiter.

Während der Kämpfe um die mehrheitlich von Kurden besiedelte Stadt waren mehr als 200.000 Menschen geflüchtet, das entspricht mehr als der Hälfte der Einwohner. Die Menschen seien in Gebiete geflohen, die ebenfalls kurdisch oder von der syrischen Regierung kontrolliert werden, teilte ein Sprecher der Regionalregierung mit.

Die Türkei hatte im Januar begonnen, die Kurdenmiliz YPG zu bekämpfen, die sie für den militärischen Ableger der als Terrororganisation eingestuften Kurdenpartei PKK hält. Wie die Beobachtungsstelle mitteilte, wurden seither mehr als 1.500 kurdische Kämpfer und etwa 400 der protürkischen Truppen getötet. Mit der Militäraktion will die Türkei verhindern, dass sich ein zusammenhängendes kurdisches Einflussgebiet vom Irak über Syrien bis in die Türkei bildet.

Die Situation in Syrien

IHS Conflict Monitor, New York Times. Stand: 5. Februar 2018. Grafik: Matthias Holz/ZEIT ONLINE

Auch in der von Regimegegnern dominierten Region Ostghuta wird weiter gekämpft. Syrische Regierungstruppen flogen weitere Luftangriffe auf die Enklave nahe der Hauptstadt Damaskus, wie die Beobachtungsstelle für Menschenrechte mitteilte. Mehr als 25.000 Menschen seien deshalb alleine am Sonntagvormittag aus Ostghuta geflohen, teilte der russische Generalmajor Wladimir Solotuchin mit. Das russische Zentrum für die Versöhnung der Konfliktparteien stelle den Geflüchteten Betten und Lebensmittel zur Verfügung, sagte er weiter.

Neue Waffenruhe im Gespräch

Nun verhandelt eine der größten syrischen Rebellengruppen mit den Vereinten Nationen über eine Waffenruhe. Verletzte und kranke Zivilisten sollten zur Versorgung aus dem Rebellengebiet gebracht werden, sagte ein Sprecher der Gruppe Failak al-Rahman. Die Gespräche zielten jedoch nicht darauf ab, unbeschadete Zivilisten aus Ostghuta herauszuholen. Solch ein Vorgehen werde von der syrischen Opposition als gewaltsame Vertreibung betrachtet, sagte der Sprecher weiter. Das russische Militär und die syrische Regierung sehen das anders: Sie wollen die Waffenruhe so lange verlängern, "bis alle Zivilisten" Ostghuta verlassen hätten, sagte der russische Außenminister Sergej Lawrow.

Mehrere Versuche, eine dauerhafte Waffenruhe in Ostghuta zu etablieren und die Region mit Hilfsgütern zu versorgen, waren bislang gescheitert. Ende Februar hatte der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen per Resolution eine 30-tägige Waffenruhe für Syrien gefordert – einen rechtsverbindlichen Beschluss gab es jedoch nicht. Zudem wurden Ausnahmen für die Bekämpfung von Terrororganisationen zugelassen, weshalb die UN-Resolution kaum Wirkung zeigte.

1.400 Zivilisten getötet

Das mit der syrischen Regierung verbündete Russland hatte kurz darauf aber eine einseitig mehrstündige tägliche Kampfpause für Ostghuta angekündigt, um Hilfslieferungen zu ermöglichen und Zivilistinnen und Zivilisten aus der umkämpften Region zu schaffen. Doch auch diese Waffenruhe wurde nicht konsequent eingehalten.

Die syrische Regierung unter Präsident Baschar al-Assad will die Region mit russischer Hilfe von den Rebellen zurückerobern. Bei den Kämpfen wurden bislang rund 1.400 Zivilisten getötet und mehr als 5.000 verletzt. Schätzungen zufolge leben etwa 400.000 Menschen in der belagerten Region, in der die Versorgungslage seit Wochen katastrophal ist.