Ein lautes Murmeln aus Zehntausenden von Kehlen liegt über dem rot-weiß-grünen Fahnenmeer. Selbst die Wartenden vor den blauen Pixi-Toiletten falten ehrfürchtig die Hände: Die Menge auf dem Budapester Kossuth-Lajos-Ter betet das Vaterunser. Zwar ist die freie Sicht auf den kleinen Mann am Rednerpult für manche durch die Pressetribüne vor dem Parlament verdeckt, doch seine Stimme ist dank mächtiger Lautsprecher von jedem Platz aus gut zu hören.

Eindringlich und mit viel Pathos warnt Viktor Orbán die aus dem ganzen Land herbeigekommenen Anhänger seiner rechtspopulistischen Fidesz-Partei vor dem "bösartigen und listigen Feind". Der Gegner kämpfe nicht mit offenen Visier, sondern verstecke sich, sagt er. "Er ist nicht national, sondern international; er glaubt nicht an Arbeit, sondern spekuliert; er ist rachsüchtig und attackiert immer das Herz, besonders wenn dieses rot, weiß und grün ist."

Stumm lauschen seine Anhänger den unheilvollen Prophezeiungen. "Internationale Mächte" planten mit Hilfe heimischer Handlanger, Hunderttausende von Einwanderern in Ungarn anzusiedeln, behauptet düster der Premier: "Wenn der Damm bricht, dann strömt die Flut." Viele gemeinsame Schlachten habe man in den vergangenen 30 Jahren erfolgreich geschlagen, doch die größte stehe der Nation nun bevor, wenn am 8. April gewählt werde. "Man will uns unser Land nehmen", warnt der 54-jährige Orbán. Dann fordert er zur gemeinsamen "Verteidigung Ungarns" auf: "Wir sind milde Menschen, aber keine Einfaltspinsel. Wir werden nach den Wahlen Genugtuung verlangen, moralisch, politisch und juristisch. Ungarn, die Fahnen hoch! Geht und kämpft! Es lebe die Heimat, auf zum Sieg!"

Hysterische Kriegsrhetorik

Peter Kreko, Direktor des Thinktanks Political Capital in Budapest, nennt so etwas "hysterische Kriegsrhethorik". Mit ihr reagiere Orbáns Fidesz-Partei auf sinkende Umfragewerte und sich mehrende Korruptionsenthüllungen. Fidesz könnte im Wahlkampf auf Ungarns unbestrittene Wirtschaftserfolge verweisen, aber stattdessen schließe sie sich wie eine Sekte im Käfig der von ihr verbreiteten fake news und Verschwörungslegenden ein. Ihre Vertreter sprächen nur immer und immer wieder über die angeblichen Machenschaften von George Soros und die vermeintliche Bedrohung durch die Immigranten, "obwohl es hier einfach kaum welche gibt", sagt Kreko.

Die eigene Klientel von maximal 2,2 Millionen Wählern könne die Partei mit dem Endzeitszenario eines "großen kosmischen Kampfes" zwar aktivieren: "Aber ich habe den Eindruck, dass beispielsweise der Fidesz-Wahlkampf in der Stadt Hodmezövasarhely mehr die Wähler der Opposition mobilisierte als die eigenen Anhänger." In Hodmezövasarhely, eigentlich einer Fidesz-Hochburg, gewann Ende Februar der unabhängige, aber von der Opposition einmütig unterstützte Kandidat Peter Marki-Zay klar und überraschend die Wahl zum Bürgermeister. Das lässt die gebeutelte Opposition wieder etwas optimistischer werden, und es macht die Fidesz ungewohnt nervös. 

Hodmezövasarhely habe gezeigt, dass die Umfragen der heimischen Meinungsforschungsinstitute kaum etwas taugten, sagt Kreko: "Das einzige, was wir vorhersagen können, ist die Unvorhersehbarkeit der Wahl." Eine erneute Zweidrittelmehrheit für Fidesz wie bei den Wahlen 2010 und 2014 hält er zwar für so gut wie ausgeschlossen. Aber ob Orbán wieder eine einfache Mehrheit hole oder vielleicht doch verliere, sei sehr schwer zu sagen. "Es gibt einfach zu viele Fragezeichen."

Das Wahlsystem begünstigt Fidesz

106 der 199 Sitze im Parlament werden in Ungarn durch Direktmandate vergeben. Der Rest wird nach dem landesweiten Stimmenanteil auf die Parteien verteilt. Das System wurde 2011 von Fidesz eingeführt und begünstigt klar die größte Partei: Im Jahr 2014 erhielt Fidesz dank der 96 gewonnenen Direktmandate eine Zweidrittelmehrheit im Parlament, obwohl die Partei bei der Wahl nur 44,11 Prozent der Stimmen erhalten hatte.

Die Opposition könnte diese Dominanz nur aufbrechen, indem sie sich zusammentut und gemeinsam in den Wahlkreisen ihren jeweils aussichtsreichtsten Kandidaten unterstützt. Doch genau das fällt den Oppositionsparteien schwer. "Einen Kandidaten der rechtsextremen Jobbik würde ich niemals wählen. Das könnte ich einfach nicht", sagt beispielsweise ein Anhänger der Spaßpartei des Zweischwänzigen Hundes auf der Straße Rákóczi Utca in Budapest. Auf der Schulter trägt er Besenstiele, daran baumeln Plüschelchen: Eine "Würdigung" des Vizepremiers Zsolt Semjen, der sich von einem Oligarchen zu Luxusjagdausflügen nach Schweden einladen lasse, "um Elche abzuknallen", wie der Mann sagt.

Die Opposition ist zerstritten

Nicht weit entfernt, auf einer Bühne in der Báthory Utca, schmettert eine Blaskapelle stramme Marschmusik. Hier wirbt die Jobbik-Partei um Wähler. Es sei "die beste Rechtspartei für Ungarn", sagt ein Mann im Publikum. "Jobbik tritt nicht mehr gewalttätig auf, hat keine Garden mehr; der Ton hat sich gewandelt." Auch er weiß, dass Fidesz nur zu schlagen ist, wenn die Opposition sich zusammentut. Doch einen linken Kandidaten zu wählen kommt für ihn nicht in Frage.

Dennoch: Mit einem so hohen Wahlsieg wie in den Jahren 2010 und 2014 kann Orbán kaum mehr rechnen. Denn das von den Regierungsmedien sorgsam gepflegte Bild des Landesvaters, der selbstlos und aufopferungsvoll für die Interessen der Nation streitet, wich in den vergangenen Wochen dem Image eines Feudalherrn, der vor allem die Vorteile des eigenen Clans im Blick hat. Der Wohlstand in Orbáns Heimatgemeinde Felscut hat sich auf wundersame Art vermehrt; sein Vertrauter Lörinc Meszaros ist zu aberwitzigem Reichtum gelangt; Staatssekretär Zsolt Szabo verfügt über ein millionenschweres Offshore-Konto; es gab Enthüllungen über auf Auslandskonten verschobene EU-Milliarden und einen Skandal um manipulierte Ausschreibungen zu Gunsten der Firma seines Schwiegersohns.

Doch die Gräben in den Reihen der Opposition könnten Orbáns Fidesz trotz allem erneut die Mehrheit bescheren. Die Leute seien frustriert, sagt eine in ihrer roten Regenhaut fröstelnden Wählerin auf einer Kundgebung mehrerer linksliberaler Parteien an der Szabadság-Brücke in Budapest. Sie hätten das Gefühl, dass die Opposition sich besser koordinieren müsste. Aber jede Art von Kooperation mit Jobbik sei "schwierig". Dann sagt sie noch: "Doch wenn jeder auf seiner Position beharrt, ändert sich nichts – und Orbán bleibt uns noch ewig erhalten."

Schulterschluss gegen Fidesz fällt schwer

Gergely Karácscony hat schon einmal vorgemacht, wie Fidesz zu schlagen ist. Der 42-jährige Bezirksbürgermeister des Stadtteils Zuglo wurde 2014 mit Unterstützung mehrerer Oppositionsparteien gewählt, jetzt ist er Spitzenkandidat der sozialistischen MSZP und des alternativen Dialog. In einem Café unweit des Parlaments nippt er an seinem Espresso und sagt: "Fidesz ist viel schwächer als wir alle glauben." In einem Drittel der Wahlkreise seien schon bei der Wahl 2014 alle demokratischen Oppositionsparteien zusammen auf mehr Stimmen gekommen als der jeweilige Fidesz-Kandidat.

Jobbik-Chef Gabor Vona aber schließt eine wahltaktische Kooperation mit den anderen Oppositionsparteien aber resolut aus, und auch dem zersplitterten und zerstrittenen linksliberalen Lager fällt der Schulterschluss gegen Orbán schwer: Bislang haben nur eine Handvoll Oppositionskandidaten ihre Kandidatur zu Gunsten eines aussichtsreicheren Mitstreiters aufgegeben.

Karácscony will bis zu den Wahlen zumindest die linksliberalen Reihen einen. Er schließt aber auch eine taktische Arbeitsteilung mit Jobbik nicht aus. Zwar sehe er "keinerlei Möglichkeit für eine formale Kooperation" mit den Rechten, sagt er. "Aber wir wissen, dass Jobbik in einigen wenigen Wahlkreisen klar stärker ist als wir. Da unsere Ressourcen begrenzt sind, werden wir sie effizient nutzen, also nicht in diesen Wahlkreisen, sondern uns auf die Großstädte und Budapest konzentrieren."

Bei aller Ungewissheit über den Ausgang der Wahl sei nur eine Sache sicher, sagt Political-Capital-Direktor Peter Kreko: "Wenn Fidesz gewinnt, aber Federn lässt, wird Orbán noch entschiedener die Kräfte des Bösen bekämpfen – und noch härter gegen den Rest der unabhängigen Medien, Bürgerrechtsgruppen und die Opposition vorgehen." Denn auf dem Weg zum illiberalen Staat gebe es für den ungarischen Ministerpräsidenten kein Zurück.