Findet der große Handelskrieg vielleicht gar nicht statt? Die Antwort Chinas auf die wüsten Drohungen aus Washington jedenfalls fiel sehr moderat aus, man könnte auch sagen: souverän. Während die Vereinigten Staaten Strafzölle auf chinesische Importwaren in Höhe von 60 Milliarden Dollar erheben wollen, begnügen sich die Chinesen im Gegenzug zunächst mit Aufschlägen auf amerikanische Exporte von drei Milliarden Dollar.

Ist das Schwäche – oder Klugheit? Setzt sich auch in Peking, wie in den meisten Hauptstädten Europas, die Einsicht durch, dass unter einer Eskalation alle Länder gleichermaßen leiden würden? Vollkommen aus der Luft gegriffen sind die amerikanischen Vorwürfe im Übrigen nicht. 375 Milliarden Dollar betrug Chinas Überschuss im Jahr 2017, ein neuer Rekord. Jedermann weiß, dass dies auf Dauer so nicht bleiben kann.

Donald Trump hat auch in anderen Punkten Recht mit seiner Kritik. China nutzt die Freiheiten des amerikanischen – und des europäischen – Marktes , schottet den heimischen Markt aber gegen unliebsame Konkurrenz ab. Peking subventioniert über seine Staatsbanken die eigenen Konzerne, geht auf Einkaufstour bei strategisch relevanten Unternehmen im Ausland, duldet umgekehrt aber keine ausländischen Investoren in kritischen Wirtschaftssektoren. Es zwingt Firmen, die sich in China engagieren, zum Technologietransfer und betreibt geistigen Diebstahl in großem Stil.

Eine neue Generation an der Macht

Dies alles kritisieren Europäer und Amerikaner gemeinsam und vollkommen zu Recht. Dennoch wäre es töricht, den chinesischen Merkantilismus mit westlichem Protektionismus zu bekämpfen. Der Westen würde sich damit am meisten schaden. Hoffentlich begreift das am Ende auch die Regierung Trump.

Die USA fügen sich mit ihrer Politik noch aus einem anderen Grund Schaden zu. Während in Washington derzeit China-Kritiker wie der Handelsbeauftragte Robert Lighthizer oder der Trump-Berater Peter Navarro (Autor des Buches "Death by China") den Ton angeben, ist in Peking nun eine Generation an der Macht, in der viele ihre akademische Ausbildung in den USA bekommen haben und die von ihren Jahren in Amerika intellektuell geprägt wurden.

Zu ihnen gehört der neue Finanz- und Wirtschaftszar Liu He (66), in Chinas operativer Politik heute der wohl wichtigste Mann hinter Staats- und Parteichef Xi Jinping. Zwar nur Vizepremier, gilt Liu als deutlich einflussreicher als Premier Li Keqiang. Liu hat Wirtschaftswissenschaften an der Universität von Seton Hall in New Jersey studiert und seinen Master an der John F. Kennedy School der Universität Harvard gemacht.

Natürlich ist Liu ein treuer Parteisoldat, sonst hätte er es unter Xi Jinping nicht ganz nach oben geschafft. Er sagt: "China kann nicht den Weg der westlichen Demokratie gehen." Aber er gilt in ökonomischen Fragen als Liberaler, als Vertreter einer Marktwirtschaft, wenn auch "mit chinesischen Eigenschaften". In diesem Jahr führte er die Delegation aus China beim Weltwirtschaftsforum in Davos an. "Ich glaube nicht, dass die USA und China Feinde sind", hat Liu He einmal gesagt. "Unsere wirklichen Feinde sind Terrorismus, Klimawandel und die Gefahren, die der technologische Fortschritt mit sich bringt."

Auch der neue Zentralbankchef Yi Gang (60) hat seine akademisch prägenden Jahre in den Vereinigten Staaten verbracht. Er promovierte in Wirtschaftswissenschaften an der Universität von Illinois und lehrte danach einige Jahre an der Universität von Indiana. Insgesamt 14 Jahre hat er in den USA gelebt.