Für Hamlet bedeutet Afghanistan vor allem Geld. In der armenischen Armee verdient der 31-Jährige als Soldat zwischen 250 und 300 Euro im Monat, das ist vergleichbar mit vielen anderen durchschnittlichen Jobs. Wenn es in den Einsatz geht, bekommt er für ein gutes halbes Jahr das Vierfache. "Krieg hat mein Opa geführt, ich schaffe den Frieden", sagt der junge Armenier. Es sei eine große Ehre und eine wichtige Aufgabe, aber ja: das Geld.

Um die 40 Bewerbungen bekommt Vaghinak Sargsjan jeden Monat. Der 57-jährige Oberst und frühere Chef des Militärnachrichtendienstes ist seit einigen Monaten Kommandeur der Friedenstruppe der armenischen Streitkräfte. Nicht weit von der Hauptstadt Jerewan liegt das Ausbildungszentrum, rund 1.500 Soldaten trainieren hier, bald sollen es 2.300 werden. Waren bislang nur Männer zugelassen, ist das Programm nun auch für Frauen offen. Die ersten 19 haben den Kurs bereits absolviert.

Kommandeur der armenischen Friedensbrigade: Oberst Vaghinak Sargsjan © Tigran Petrosyan

"Wir leisten unseren Beitrag zum internationalen Friedensprozess", sagt Sargsjan. Für ihn gibt es keine andere Option: Die Nato müsse in Afghanistan bleiben. In seinem Büro schmücken Zitate des Philosophen Konfuzius und des Strategen Sunzi die Wand. Zehn Jahre lang war Sargsjan Militärattaché in China, Sunzis Kunst des Krieges hat er dort studiert.

Armenien beteiligt sich, obwohl nicht Mitglied, an Nato-Einsätzen im Kosovo, im Irak, im Libanon und vor allem in Afghanistan. Dort schützen 120 armenische Soldaten Militärbasen und überwachen Checkpoints in Kabul und Masar-i-Scharif – unter dem Kommando der Bundeswehr. Wenn es nach der Ausbildung in den Einsatz geht, führt der Weg nach Afghanistan für Hamlet und andere über das rheinland-pfälzische Germersheim, wo sie unter anderem den Umgang mit der deutschen Ausrüstung lernen, mit der sie in Afghanistan umgehen müssen.

"Wir haben Tag und Nacht in Tälern und Bergen gekämpft"

Schon im Ausbildungszentrum bei Jerewan brennen sie alle auf den Einsatz: "Sonst macht das alles keinen Sinn", sagt einer. "Geld verdient man in Afghanistan und leider nicht hier", sagt ein anderer. Als Wehrpflichtiger hat Hamlet zwei Jahre im Militär geleistet oder, wie er sagt, "der Heimat gedient". Danach bewarb er sich für die Friedensbrigade, seine Leistungen waren gut, er bekam einen Vertrag für drei Monate, um das Training zu absolvieren. Am Ende steht eine Prüfung, dann wird es endlich ernst.

Hamlets Großvater kennt das Land gut, in dem sein Enkel Geld verdienen will. Er war einer von 4.000 armenischen Soldaten, die von 1979 bis 1989 mit der sowjetischen Armee in Afghanistan kämpften, als Armenien noch Teil der UdSSR war. "Ihr habt sowieso keine Ahnung", sagt der alte Mann, wenn sie über Afghanistan sprechen: "Ihr sitzt in einer Militärbasis und beobachtet alles nur durch die Technik. Wir haben Tag und Nacht in Tälern und Bergen gekämpft." Den Alten hat damals niemand gefragt, er wurde gegen seinen Willen in den Krieg geschickt. Für Hamlet ist es ein Job, auch wenn er sagt: "Gefährlich ist es trotzdem."

Die Bundeswehr sieht das auch so, der Einsatz in Afghanistan wird mit der höchsten Gefahrenstufe sechs bewertet. Das bedeutet für die deutschen Soldaten 110 Euro täglich zusätzlich zum Sold, der ohnehin weit über dem armenischen liegt. "Das ist wie beim Zigarettenpreis", sagt der armenische Major Mkrtitsch Grigorjan. "Eine Schachtel kostet in Deutschland sechs Euro. Für die gleiche Schachtel bezahlt man in Armenien nur einen Euro." Seine Männer sind trotzdem zufrieden, wenn sie für in der Regel ein halbes Jahr im Einsatz monatlich 1.000 bis 1.400 Euro bekommen: Einer hat ein Auto gekauft, der Nächste ließ seine Wohnung renovieren, ein anderer konnte endlich seine Kreditschulden begleichen. Ein Job, der das ermöglicht, ist in Armenien ein Traumjob. Vom Trainingsplatz aus blicken sie auf eine Neubausiedlung, die für jeden hier unerschwinglich ist – noch.