Nach Protesten gegen die Regierung in Armenien hat die Polizei am Sonntag den Oppositionsführer Nikol Paschinjan festgenommen. Das teilte der Abgeordnete Sasun Mikaeljan vor Journalisten mit, bevor er selbst abgeführt wurde. Paschinjan war zuvor kurz mit dem umstrittenen Ministerpräsidenten und ehemaligen Präsidenten Sersch Sargsjan zusammengetroffen und hatte diesen vor laufenden Kameras zum Rücktritt aufgefordert.

"Ich bin hierher gekommen, um mit Ihnen über Ihren Rücktritt zu sprechen", sagte Paschinjan, dessen Anhänger seit zehn Tagen dafür auf die Straße gehen, zum Auftakt. "Das ist kein Dialog, das ist Erpressung", antwortete der Regierungschef und verließ nach einem weiteren kurzen Wortwechsel den Raum. Sargsjan war vergangene Woche nach zwei Amtszeiten aus dem Präsidentenamt ausgeschieden. Am Dienstag wurde der 63-Jährige vom Parlament zum neuen Ministerpräsidenten gewählt.

In der Hauptstadt Jerewan demonstrierten am Samstag erneut 50.000 Menschen gegen die Regierung der Kaukasusrepublik. Die Polizei nahm dabei nach eigenen Angaben mindestens 70 Demonstrantinnen und Demonstranten fest. Darunter seien zwei Menschen mit Verbindungen zur Opposition. Sie würden verdächtigt, Bombenanschläge an öffentlichen Orten vorbereitet zu haben, teilte der nationale Sicherheitsdienst mit. Die Proteste halten seit Tagen an; schon am Freitagabend waren mehr als 200 Menschen festgenommen worden.

Demonstranten wollen "friedliche samtene Revolution"

Anlass für die Proteste ist eine Verfassungsreform, die im Dezember 2015 per Referendum gebilligt wurde und nun in Kraft trat. Sie wertet das Amt des Ministerpräsidenten deutlich auf. Die wahre Macht in Armenien liegt damit weiterhin bei dem vom Kreml unterstützten Sargsjan. Das Staatsoberhaupt, der neue Präsident Armen Sarkissjan, hat dagegen künftig vorwiegend repräsentative Aufgaben. Gegner argumentieren, diese Änderung mache Sargsjan de facto zum Herrscher auf Lebenszeit.

"Sargsjan ist ein Diktator", war schon am Freitagabend auf Schildern zu lesen, Demonstranten schwenkten armenische Flaggen. Oppositionsführer Paschinjan hatte am Dienstag den Beginn einer "friedlichen samtenen Revolution" erklärt. Er rief seine Anhänger auf, landesweit "revolutionäre Komitees" zu bilden. Mit ähnlichen Worten kündigte er am Freitag an, dass diese Revolution "sehr bald siegreich sein wird".