Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kommt im Militärhauptquartier in Tel Aviv mit strengem Blick und einer einfachen Botschaft auf die Bühne. "Heute Abend werden wir euch zeigen, was die Welt noch nicht gesehen hat", sagt er zu Beginn dieser ungewöhnlichen Präsentation am Montagabend – auf Englisch, schließlich sollen seine Worte weltweit und sofort verstanden werden. Wie ein Magier in einer Zaubershow zieht er ein schwarzes Tuch von einem Regal voller Aktenorder und einer Wand, an der CD-ROMs kleben. Angeblich hochbrisantes Material. Denn dabei soll es sich um Kopien von geheimdienstlichem Beweismaterial handeln. Mehr als 100.000 Akten habe man in den vergangenen Wochen im Iran gesammelt. Sie sollen belegen: "Der Iran hat gelogen", sagt Netanjahu.

"Nachdem der Nukleardeal 2015 unterzeichnet wurde, hat der Iran seine Anstrengungen intensiviert, seine geheimen Nuklear-Dateien zu verstecken. Im Jahr 2017 wurden sie an einen hoch gesicherten Ort in Teheran gebracht." Und dort anscheinend nun entdeckt. Netanjahus Erkenntnis aus diesen Materialien: Der 2015 unterzeichnete Nukleardeal basiere auf Lügen und Täuschungen des Iran. "Es ist ein furchtbarer Deal, der niemals hätte abgeschlossen werden dürfen. In ein paar Tagen wird Trump das Richtige tun. Für die Vereinigten Staaten, für Israel und für den Weltfrieden."

Der Zeitpunkt ist günstig für Netanjahu

Dann nämlich, bis zum 12. Mai, wird US-Präsident Donald Trump entscheiden, ob die USA den Vertrag aufkündigen. Ob sie also wieder Sanktionen gegen den Iran verhängen. Die sind derzeit ausgesetzt. Und Netanjahu kann zuversichtlich sein: Schließlich wetterte Trump in den vergangenen Monaten immer wieder gegen den Deal und drohte damit, auszusteigen. Der sieht sich nun in den Informationen aus Israel bestätigt. Für einen Ausstieg war Netanjahu schon seit dem Moment, als der Deal geschlossen wurde: "Fix it or nix it",  lautet seine Devise. Entweder solle der Vertrag nachgebessert oder ganz aufgekündigt werden.

Es spricht einiges dafür, dass Inhalt und Zeitpunkt von Netanjahus Präsentation zuvor mit den USA abgestimmt wurden. Schließlich haben Trump und Netanjahu schon am Wochenende in einem Telefonat über die Aktivitäten des Iran im Nahen Osten gesprochen. Am Sonntag war außerdem der neue amerikanische Außenminister, Mike Pompeo, in Israel zu Besuch und traf sich mit Netanjahu im Verteidigungsministerium in Tel Aviv. Auch da soll der Iran Gesprächsthema gewesen sein.

Israel will nun auch Experten nach Deutschland und Frankreich entsenden, die die Geheimdienstinformationen zu Irans nuklearen Bestrebungen teilen sollen. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron waren eben noch zu Gast in Washington. Unter anderem, um dafür zu werben, am Iran-Deal festzuhalten. In dem Abkommen hat sich der Iran verpflichtet, in den kommenden Jahren wesentliche Teile seines Atomprogramms drastisch zu beschränken. Das Ziel: Das Land soll daran gehindert werden, Atomwaffen zu produzieren. Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA überwacht das Abkommen, auch das war Teil des Deals. Sie bescheinigt dem Iran bislang, die Auflagen zu erfüllen. Im Gegenzug strichen einige westliche Staaten die Wirtschaftssanktionen gegen das Land.

Netanjahu ist davon überzeugt, dass der Iran alle Beteiligten täuscht – die neuen Dateien sollen das bestätigen. Israels Misstrauen gegen den Iran war stets groß. Schließlich hetzt das schiitische Regime in Teheran regelmäßig gegen den jüdischen Staat und droht mit dessen Auslöschung. Beunruhigend ist für Israel derzeit auch die Lage an seiner Nordgrenze zu Syrien, wo der Iran an Einfluss gewinnt. Weniger als 24 Stunden bevor Netanjahu die Bühne in Tel Aviv betritt, gab es dort einen Raketenangriff. 16 Menschen, darunter elf Iraner, sollen laut Medienberichten ums Leben gekommen sein, ein Waffenarsenal inklusive 200 Raketen soll getroffen worden sein. Auch wenn es dafür keine Bestätigung gibt: Es ist möglich, dass Israel hinter dem Angriff steckt – das Land hat immer wieder vereinzelt in Syrien eingegriffen.

Eine Folie fehlt in der Präsentation: die mit der Lösung

So kommt Netanjahus Präsentation am Montagabend in einer angespannten Zeit. Und wie so oft schafft Netanjahu es, die Spannungen noch zu steigern und so Aufmerksamkeit für seine Sicht der Dinge zu bekommen. Im Jahr 2012 etwa erschien er vor den Vereinten Nationen mit der Zeichnung einer Bombe, in die er mit Filzstift einen roten Strich zeichnete, um die Gefahr des iranischen Nuklearprogramms zu verdeutlichen. Vor einigen Wochen brachte er ein Metallstück mit zur Münchner Sicherheitskonferenz, wohl von der iranischen Drohne, die Israel zuvor abgeschossen hatte. Diesmal nun eine PowerPoint-Präsentation mit Videos, Bildern, Zeichnungen sowie die auf der Bühne aufgebauten Aktenordner und aufgehängten CD-ROMs.

Was in der Präsentation aber fehlt, ist eine Alternative zum derzeitigen Abkommen. Denn was, wenn die USA aussteigen? Wenige Stunden vor Netanjahus Rede hatte der Chef der iranischen Atomenergie-Organisation Ali Akbar Salehi gedroht, der Iran sei technisch dazu in der Lage, Uran zu einem höheren Level anzureichern, als es das noch vor 2015 konnte. "Ich hoffe, Trump wird sich besinnen und im Deal bleiben", sagte Salehi. Irans Außenminister wies die Reden Netanjahus zurück.