Skripal hier, Skripal da, Skripal überall. Es gäbe viel, worüber zu reden wäre, das Brandunglück in der sibirischen Stadt Kemerowo zum Beispiel, bei dem 60 Menschen starben, darunter 37 Kinder. Aber die Auseinandersetzung um den früheren Doppelagenten Skripal beherrscht weiter Politik und Medien, vor allem in Russland. Sie ist längst überhitzt – obwohl sich an der Erkenntnislage nichts verändert hat. Hier also einige Gedanken zu dem Fall, der das Zeug hat, symbolisch eine Zäsur in der europäischen Russlandpolitik einzuläuten.

1. Die britische Kommunikation ist eine Katastrophe

Alles, was bislang über den Anschlag bekannt ist, stammt von den Briten – die Klassifizierung des Stoffes, die Informationen zum Fundort, der Verdacht, der Stoff stamme aus russischen Labors und der Auftrag zum Mord sei "höchstwahrscheinlich" von Wladimir Putin selbst erteilt worden. Die meisten EU-Staaten haben mit kräftigem Vertrauensvorschuss den Briten ihre Solidarität bekundet und beschlossen, russische Diplomaten auszuweisen.

Allerdings offenbart sich nach und nach die dilettantische Kommunikation der britischen Regierung. Die britische Forschungseinrichtung Porton Down hat vor vier Tagen eingeräumt, dass sie nicht nachweisen könne, woher der Stoff stamme – was die russischen Medien genüsslich feiern: Die Lügeneuropäer haben nichts! Unter den Tisch fällt natürlich, dass die Bestimmung der Herkunft nicht die Aufgabe von Porton Down war. Gelogen wurde dennoch: Außenminister Boris Johnson bezog sich explizit auf die Bestimmungen von Porton Down, als er seine Vorwürfe gegen Russland erhob. Der entsprechende Tweet des britischen Außenministeriums wurde denn auch sicherheitshalber gelöscht.

Nun hört man allenthalben, dass Johnson für seine dilettantische, überspitzte und krawallige Art bekannt sei. Mag sein – aber Theresa May hat ihn zum Außenminister ernannt. Da hilft es wahrlich wenig, dass anonyme Quellen nun durchstechen, britische Geheimdienste hätten den Stoff sehr wohl identifiziert – und schon vor dem Anschlag von einem Geheimlabor in Russland gewusst, aus dem das Gift stammen soll.

2. Von Beweisen und Unschuldsvermutungen

Die Debatte verengt sich zunehmend auf zwei Positionen. Die eine rückt die Vorwürfe gegen Russland in die Nähe einer westlichen Verschwörung. Und ist nicht die Unschuldsvermutung ein Grundsatz westlicher Werte?

Der Hinweis klingt schick, ist aber überstrapaziert. Politische Maßnahmen sind keine Gerichtsunterteile, und sie müssen sich keinen Prämissen der Justiz beugen (auf die der russische Präsident übrigens nichts gibt, wenn es nicht gerade passt). Der jetzige Verdacht nährt sich aus vergangenen Erfahrungen – der ukrainische Präsident Wiktor Juschtschenko, wahrlich kein Putin-Freund, wurde im Wahlkampf 2004 vergiftet. Er überlebte, ist aber seither entstellt.

Der Putin-Kritiker Alexander Litwinenko wurde in London mit Polonium vergiftet – die russischen Verdächtigten entziehen sich bis heute einem Gerichtsverfahren. Einer von ihnen ist mittlerweile Parlamentsabgeordneter und bekam vor drei Jahren eine Medaille für "Dienste am Vaterland" verliehen. Und erst kürzlich zeigte ein anderer Oppositioneller und Verbündeter des Oligarchen Chodorkowski in Russland Symptome einer schweren Vergiftung – zum zweiten Mal schwebte Wladimir Kara-Mursa in Lebensgefahr. Zuvor wurde er vom tschetschenischen Oberhaupt Ramsan Kadyrow bedroht, auf dessen Konto Morde von Landsleuten im Ausland gehen sollen. 

Ja, aber eindeutige Beweise? Gibt es natürlich nicht. Und wenn es sie gäbe – die gute geölte Kreml-Propagandamaschine wüsste sie abzutun wie schon bei der Annexion der Krim, dem Ostukraine-Krieg oder dem Abschuss der MH-17.