Bei den westlichen Luftangriffen ist das syrische Chemiewaffenarsenal nach Angaben der französischen Regierung "zu einem großen Teil" zerstört worden. Das gab Außenminister Jean-Yves Le Drian in Paris bekannt, nachdem die Streitkräfte Frankreichs, der USA und Großbritanniens in der Nacht Ziele in Syrien mit Raketen attackiert hatten.

Zugleich drohte der Minister mit "einer weiteren Intervention", sollte es in Syrien erneut einen Chemiewaffenangriff geben. "Hinsichtlich der chemischen Waffen gibt es eine rote Linie, die nicht überschritten werden darf", sagte Le Drian. "Wenn sie überschritten wird, gibt es eine weitere Intervention."

Die Metapher der "roten Linie" und ihrer Überschreitung ist nicht neu. Sie ist weder eine Erfindung der Franzosen noch des US-Präsidenten Donald Trump. Tatsächlich hat den Begriff das erste Mal US-Präsident Barack Obama geprägt. Im Jahr 2012 sagte er auf einer Pressekonferenz: "Ich habe bis jetzt kein militärisches Eingreifen angeordnet, aber für uns ist eine rote Linie überschritten, wenn eine ganze Menge chemischer Waffen bewegt oder eingesetzt wird."    

Im April 2013 informierte das Weiße Haus das US-Parlament, es könne mit "unterschiedlichen Graden an Sicherheit" bestätigen, dass die syrische Armee das Gift Sarin in einem kleinen Maßstab verwendet habe. Obama warnte Assad erneut davor, weitere Giftgaseinsätze durchzuführen. Doch ohne Reaktion. Im Juni 2013 entschied sich der US-Präsident dazu, syrische Rebellen mit Waffen und Munition zu unterstützen – als Antwort auf die vermeintlichen Anschläge mit C-Waffen. Erst 2014 willigte Assad – auf Druck von Russland – ein, alle seine chemischen Waffen außer Landes zu bringen und dort zu zerstören.      

Doch hat er wirklich alle Waffen beseitigt? Der Westen bezweifelt dies. In regelmäßigen Abständen verzeichneten Nichtregierungsorganisationen Anschläge auf die syrische Bevölkerung mit chemischen Waffen. Am 7. April wurde neuerdings eine "rote Linie" überschritten, als es in Duma zum Giftwaffenangriff kam. Jetzt müssen weitere Untersuchungen zeigen, ob die Beweise der französischen Regierung gegen Assad eindeutig ausfallen werden. Denn nur so ließe sich der aktuelle Militäreinsatz legitimieren.     

Chronologie der Ereignisse

20. August 2012: US-Präsident Barack Obama warnt, der Einsatz von Chemiewaffen in Syrien sowie Vorbereitungen dazu bedeuteten das Überschreiten einer "roten Linie".

21. August 2013: Nach US-Angaben werden in der Rebellenbastion Duma in Ostghuta mehr als 1.400 Zivilisten durch den Einsatz des Nervengases Sarin getötet.

9. September 2013: Angesichts einer drohenden US-Intervention in Syrien schlägt Russland vor, dass Assad seine Chemiewaffen unter internationaler Kontrolle zerstört.

27. September 2013: Der UN-Sicherheitsrat beschließt mit der Stimme Russlands eine Resolution zur Zerstörung aller syrischen Chemiewaffen im Ausland.

7. Januar 2014: Unter Aufsicht von Experten der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) und der UN werden die ersten Chemiewaffen per Schiff außer Landes gebracht.

6. März 2015: Nach einem Bericht der OPCW zu wiederholten Chlorgasangriffen verurteilt der UN-Sicherheitsrat den Einsatz des Kampfstoffs, nimmt aber keine Schuldzuweisung vor.

August 2016: Eine Kommission von UN und OPCW macht die syrische Regierung für den Einsatz von Chlorgas in den Jahren 2014 und 2015 in der Provinz Idlib verantwortlich.

4. April 2017: Bei einem Einsatz des Nervengases Sarin werden in der Kleinstadt Chan Scheichun in der Provinz Idlib nach UN-Angaben 83 Menschen getötet.

6. April 2017: US-Präsident Donald Trump macht Damaskus für den Angriff verantwortlich und lässt zur Vergeltung die syrische Militärbasis Al-Schairat mit Raketen beschießen.

7. März 2018: Erneut meldet die Beobachtungsstelle, dass nach Luftangriffen auf zwei Orte in Ostghuta mindestens 60 Menschen an Atembeschwerden litten.

7. April 2018: Bei einem mutmaßlichen Chemiewaffenangriff auf die letzte Bastion der Rebellen in Duma gibt es laut der Zivilschutzorganisation Weißhelme und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mehr als 40 Tote.

8. April 2018: Trump und Macron sehen die Verantwortung für den Angriff bei Assad und kündigen eine "gemeinsame starke Antwort" an. Russland warnt vor einem Militäreinsatz in Syrien.

14. April 2018: Die USA, Frankreich und Großbritannien fliegen Luftangriffe auf syrische Ziele. Nach Angaben des Pentagons werden drei Anlagen des mutmaßlichen syrischen Chemiewaffenprogramms angegriffen.